Kommentar
Billiges Rohöl, billiger Franken

Der Ölpreis ist auf einem neuen Tiefstpreis angelangt. Für die Konsumenten und Unternehmen senkt dies die Kosten. Doch für ganze Branchen und Länder könnte diese Entwicklung verheerende Folgen haben. Was wiegt schwerer?

Tommaso Manzin
Tommaso Manzin
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Ölförderung in Bahrain.

Ölförderung in Bahrain.

Keystone

Rohöl ist so billig wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr. Innert kurzer Zeit hat sich sein Preis mehr als halbiert. Zweierlei erstaunt an diesem Crash: Erstens die Heftigkeit, nachdem Rohstoffen lange so etwas wie der ewige Boom vorhergesagt wurde. Nebenbei bemerkt verliert auch der Generalverdacht gegen die Spekulation bei Rohstoffen an Dringlichkeit. Vieles deutet darauf hin, dass der Preiszerfall die banale Folge von schwacher Nachfrage und aufgeblähtem Angebot ist. Aber eben: Niemand garantiert uns, dass die Wahrheit interessant ist.

Damit sind wir bei der zweiten Auffälligkeit: Hätte man vor dreissig Jahren einen Ökonomen gefragt, ob billiges Öl gut oder schlecht ist, hätte er geantwortet: Gut natürlich! Die Produktionskosten der Unternehmen sinken und die Kaufkraft der Konsumenten steigt.

Und jetzt? Seit der Ölpreis sinkt, hört man nichts als Warnungen, der Effekt sei alles andere als ausgemacht. In der Tat hängen ganze Branchen, ja Länder am Erdöl-Tropf. Saudi-Arabien drohen soziale Unruhen, es kann den Staatshaushalt bereits nicht mehr durch Ölexporte finanzieren. Und in den USA kommt eine Branche unter Druck, die sich teilweise hoch verschuldet hatte, um mit der neuen Fracking-Technologie Öl in Sandsedimenten zu fördern.

Das stimmt alles. Nur gibt es mehr Länder, die Öl importieren, als solche, die es exportieren. Ganz besonders gehören dazu die Länder der Eurozone, also jene, deren schwache Währung im Vergleich zum Franken der hiesigen Industrie das Leben schwer macht. Sie zählen zu den grössten Importeuren von Rohöl und sind somit die grössten Profiteure billiger Energieimporte. Eine starke Eurozone bedeutet aber mehr Nachfrage nach Schweizer Gütern und womöglich eine Abschwächung des Frankens.

tommaso.manzin@azmedien.ch

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