Beziehungs-Kolumne: Was Zuhören mit Risotto kochen gemein hat

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Wie «Ganz-beim-Partner-Sein» die Beziehung vertieft.

Maria Brehmer
Drucken
Teilen
«Ich nutze die Ruhe, zu der uns die Umstände gerade zwingen, um meinem Freund einfach mal wieder zuzuhören. Ohne dazwischenzureden, ohne gut gemeinte Tipps abgeben zu wollen. Das ist manchmal ziemlich schwierig.»

«Ich nutze die Ruhe, zu der uns die Umstände gerade zwingen, um meinem Freund einfach mal wieder zuzuhören. Ohne dazwischenzureden, ohne gut gemeinte Tipps abgeben zu wollen. Das ist manchmal ziemlich schwierig.»

Sandra Ardizzone

Es gilt für die Zubereitung von Risotto genauso wie für Gespräche: Es wird dann gut, wenn man ganz bei der Sache ist. Diese Tage stelle ich einmal mehr fest, wie wohl es tut, wenn man sich selbst oder anderen etwas Gutes tut – und koche darum ausgiebig und mit sehr viel Musse derzeit. Gerne auch Risotto, denn das braucht bei seiner Herstellung besonders viel Aufmerksamkeit. Diese derzeit aufzubringen, fällt mir leichter als sonst.

Achtsam eins nach dem anderen

Seit alles ein bisschen stiller steht als sonst, gehe auch ich es etwas langsamer an. Ich habe die angenehme Wirkung des «Ganz-bei-der-Sache-Seins» wiederentdeckt. Zugegeben, ich schaffe es bei weitem nicht immer, mich nur auf eine Sache zu konzentrieren. Und noch immer glaube ich ab und zu, einen Kuchen backen zu können, während ich gleichzeitig mit einem Risotto zugange bin. Das kommt nie gut, und das weiss ich eigentlich. Wenn ich achtsam eins nach dem anderen tue, schmeckt am Schluss nicht nur das Gericht besser, sondern ich bin auch deutlich besser drauf. Weil ich mich weniger gehetzt fühle.

«Ganz-beim-Partner-Sein» ist eine ähnliche, mindestens genauso wichtige Übung. Weil es neben kulinarischen Genüssen auch noch Beziehungen gibt, die uns in diesen Tagen mindestens so viel Halt geben sollten wie ein cremiges Risotto, selbstgemachte Gnocchi oder ein saftiger Schoggi-Kuchen.

Ich nutze die Ruhe, zu der uns die Umstände gerade zwingen, um meinem Freund einfach mal wieder zuzuhören. Ohne dazwischenzureden, ohne gut gemeinte Tipps abgeben zu wollen. Das ist manchmal ziemlich schwierig. Nicht, weil mich nicht interessieren würde, was er erzählt. Sondern weil ich zu sehr darauf bedacht bin, mit Anteilnahme zu reagieren. Ich verfalle immer wieder dem Glauben, nur dann eine gute Zuhörerin sein zu können, wenn ich meinem Gegenüber mit besonders viel Verständnis begegne. Und dass sich dieses in einem lebendigen Dialog äussern muss. Dabei reicht aufrichtige Aufmerksamkeit oft aus, damit sich der andere gut oder besser fühlt während er erzählt. Ich muss nichts bemerken, nichts erwidern. Ein Dialog findet auch dann statt, wenn ich schweige. Und dabei ganz bei meinem Freund bin.

Wie in der Verliebtheitsphase

Erinnern Sie sich an die erste Zeit Ihrer gemeinsamen Liebe: In der Verliebtheitsphase ist die Aufmerksamkeit für den anderen wie von selbst vorhanden, ungeteilt und mit Begeisterung. Mit der Zeit werden wir vertrauter, was sich gut anfühlt. Gleichzeitig verlieren wir dadurch aber einen Teil unserer Anteilnahme am Leben des Partners, der Partnerin. Weil nebenher wieder mehr andere Dinge Platz haben, die unsere Aufmerksamkeit abziehen. Das kann einen nachteiligen Effekt haben. Denn es ist wie mit der Zubereitung von Risotto: Schenkt man ihm die volle Aufmerksamkeit, schmeckt er einfach besser.