Beziehungs-Kolumne: Die Liebe leidet

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Wie die Corona-Krise die Liebe in vielerlei Hinsicht beeinflusst.

Maria Brehmer
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Jemanden kennenlernen, jemanden ansprechen, Rituale aufrecht erhalten: Der Lockdown macht vieles, was die Liebe angeht, schwieriger.

Jemanden kennenlernen, jemanden ansprechen, Rituale aufrecht erhalten: Der Lockdown macht vieles, was die Liebe angeht, schwieriger.

Sandra Ardizzone

Sie waren verrückt aufeinander. Dann kam der Lockdown, und mit ihm verschwanden alle Möglichkeiten auf ein nächstes Treffen: Kein Geschäftstermin, kein Abend mit Freunden, keine Überstunden im Büro kann man jetzt mehr vorschieben, um ein heimliches Treffen irgendwie möglich zu machen. Er sitzt jetzt zu Hause bei seiner Familie, sie allein in ihrer Wohnung. Liebes- und vor allem Leidenschaftsentzug bis auf weiteres.

Ein Lächeln beim Einsteigen, ein kurzes, freundliches Nicken, wenn er den Zug eine Station früher verlässt als sie. Arbeitsmorgen für Arbeitsmorgen dieses sanfte Knistern. Das nächste Mal wollte sie ihn ansprechen, das hatte sie sich versprochen. «Hoi» sagen oder «Wie geht’s?» fragen. Doch ein nächstes Mal gibt es nicht mehr, zumindest vorläufig nicht. «Was, wenn er mich vergisst bis dahin? Wann sehen wir uns wieder?»

Jeden Morgen nach dem Frühstück zieht sich die alte Dame ihre wetterfeste Jacke über, setzte ihre Kappe auf, die sie zusammen mit ihrem Mann vor Jahren auf einem Markt in der Bretagne gekauft hatte, dann nimmt sie den Bus zum Friedhof. Seit 2016 ist sie Witwe, und sie fährt jeden Tag dieselbe Strecke, mit Wehmut und Vorfreude im Herzen. Am Grab spricht sie ein paar Worte, immer leise, damit sie niemand hört. Wie sie geschlafen habe, erzählt sie ihm, oder dass es der Tochter gut gehe. Jetzt zieht sich die ältere Dame ihre wetterfeste Jacke nicht mehr über. Jetzt sitzt sie drinnen, liest, döst, isst, schaut etwas TV. Und träumt von der Bretagne.

Vor ein paar Wochen lernten sich Pam und Noemi über Kollegen kennen, dann trafen sie sich fast jeden Tag in der Clique, die sie von da an teilten. Sie trafen sich draussen irgendwo, im Park bei den Bänken zum Beispiel. Alkohol hatte fast immer jemand dabei, nicht selbst gekauften, dazu sind sie noch zu jung, aber von der grossen Schwester besorgt oder aus dem Keller des Vaters mitgenommen. Noemi und Pam mögen sich, doch darüber gesprochen haben sie nie. Sie sassen nebeneinander auf der Lehne der Bank, teilten sich eine Zigi, berührten sich manchmal zufällig. Pam wohnt bei ihrer Grossmutter, Noemi bei ihren Eltern. Pam bleibt zu Hause, weil sie ihre Grossmutter schützen will. Noemi bleibt zu Hause, weil es ihr ihre Eltern vorschreiben. Pam und Noemi vermissen sich, doch sie schreiben sich das nicht. Sie denken aneinander. Noemi hat sich eine Zeichnung von der Parkbank gemacht, wie sie mit Pam dort eine Zigi raucht. Wenn sie auf ihrem Bett liegt, schaut sie sich die Zeichnung an.

Die Schweizer Grenzen sind zu. Wie viele Paare sich seither nicht mehr sahen, weil sie in einer Fernbeziehung leben und jeder an seinem Wohnort bleiben muss derzeit, weiss keiner.

Max ist Single. Er mag kein Online-Dating. Wie lernt er jetzt eine Frau kennen?