Ägypten
Badetouristenim Visier

Die USA und England gehen beim Absturz des russischen Passagierflugzeugs über der Sinai-Halbinsel, bei dem über 200 Menschen starben, von einem terroristischen Anschlag aus. Die Bombenwarnung kommt für Ägypten in einem ungünstigen Zeitpunkt.

Martin Gehlen, Kairo
Martin Gehlen, Kairo
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Russischer Airbus im Sinai abgestürzt - Angehörige trauern (V2)
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Überreste des abgestürzten russischen Flugzeugs auf der Sinai-Halbinsel - mehrere Fluggesellschaften meiden das Gebiet.

Russischer Airbus im Sinai abgestürzt - Angehörige trauern (V2)

KEYSTONE/EPA RUSSIAN EMERGENCY MINISTRY / HANDOUT

Die überraschende Bombenwarnung der britischen Regierung von gestern hätte Ägypten kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt treffen können. Der Badetourismus auf dem Südsinai hatte gerade Hochsaison und befand sich nach Jahren der Stagnation im leichten Aufschwung.

Erst kürzlich versicherte die ägyptische Armeeführung der Bevölkerung, nun auch den unruhigen Nordsinai unter Kontrolle gebracht zu haben. Und der sich selbstsicher gebende Präsident Abdel Fattah al-Sisi rüstete nach Frankreich, Italien und Deutschland gerade zu einem weiteren Staatsbesuch auf europäischem Parkett – diesmal in Grossbritannien.

Umso heftiger trifft der Absturz der russischen Urlaubermaschine zusammen mit der Hiobsbotschaft aus London jetzt die bevölkerungsreichste arabische Nation. Erstmals nimmt der «Islamische Staat» nun auch Urlauber ins Visier und nicht mehr vor allem Polizisten und Soldaten. Wie in Tunesien könnten die Extremisten bald auch am Nil und am Roten Meer die gesamte Ferienindustrie auf die Knie zwingen, die zu ihren besten Zeiten 1,5 Millionen Menschen und ihren Familien Arbeit und Einkommen garantierte.

Zudem erweisen sich Präsident Sisis Behauptungen zum Sinai fern jeder Realität. Denn mit dem rücksichtslosen Bombardement der Armee gegen die beduinische Zivilbevölkerung haben immer mehr Einheimische der kargen Halbinsel mit dem Regime in Kairo eine Rechnung offen. In Rafah, an der Grenze zum Gazastreifen, wurde die halbe Stadt dem Erdboden gleichgemacht und ihre Einwohner wurden über Nacht davongejagt.

Das sind dann die Erfahrungen, aus denen heraus sich Menschen anheuern lassen, um Ungeheuerliches zu tun. Wie offenbar einer der Mitarbeiter im Urlauberflughafen von Scharm el-Scheich, der letzten Samstag wahrscheinlich den Sprengstoff an Bord der russischen Maschine schmuggelte.

ausland@azmedien.ch