Pão de Açúcar*
Ausbeutung im Zeichen der fünf bunten Ringe?

Unser Rio-Reporter Klaus Zaugg teilt seine Beobachtungen und Gedanken während der Olympiade in diversen Kolumnen. Diesmal erklärt er uns, warum er in Brasilien immer mal wieder an den deutschen Kapitalismuskritiker Karl Marx denken muss.

Klaus Zaugg
Klaus Zaugg
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Ein freiwilliger Helfer fotografiert die olympischen Ringe im Olympia-Park in Rio.

Ein freiwilliger Helfer fotografiert die olympischen Ringe im Olympia-Park in Rio.

Keystone

Schade, dass Karl Marx (1818 bis 1883) die Olympischen Spiele nie besuchen konnte. Das Spektakel hätte ihn inspiriert. Nein, ich habe auf dem Hinflug nicht Karl Marx gelesen. Seine Werke sind viel zu langweilig. Und doch muss ich in Rio hin und wieder an Marx denken. Der deutsche Kapitalismuskritiker und Polemiker hätte hier Antworten auf viele Fragen gefunden, die ihn umgetrieben haben. Beispielsweise auf die Frage, wie es sein kann, dass so wenige so viel besitzen.

Das Internationale Olympische Komitee IOC ist ein global operierender Milliarden-Konzern mit Sitz in Lausanne und verdient sein Geld mit den Olympischen Spielen. Die Geldmaschine funktioniert, weil mehr als zehntausend Menschen herbeieilen, um bei den Spielen unentgeltlich zu arbeiten und den Reichtum des IOC zu mehren. Aus aller Welt sind Frauen und Männer nach Rio gekommen, um olympischen Frondienst zu leisten.

Es wäre möglich, alle anständig zu bezahlen. Das IOC würde immer noch viel verdienen. Aber es muss oben immer mehr sein («Gier»). Die freiwilligen Helfer arbeiten nicht nur gratis. Sie reisen auch auf eigene Kosten an und die Unterkunft müssen sie selber bezahlen. Drei T-Shirts, zwei Hosen, ein Paar Schuhe, eine Tasche und die Erlaubnis, mit den offiziellen olympischen Transportbussen zu fahren – das ist alles, was sie bekommen. Sie dürfen zwar wünschen, was sie tun möchten. Aber am Ende werden sie eingeteilt. Es kann sein, dass jemand die ganzen Spiele damit verbringt, irgendwo auf einem Parkplatz Autos einzuweisen.

Ich frage immer mal wieder einen der freundlichen Helfer, was die Motivation sei. Die Antwort ist stets die gleiche. Aus Freude. Um ein Teil der olympischen Familie zu sein. Karl Marx würde jetzt polemisieren, es gehe hier um Ausbeutung mithilfe der Ideologie mit den fünf bunten Ringen. So wage ich das natürlich nicht zu sagen, und ich entschuldige mich, dass ich nur einen solchen Gedanken gehabt habe. Sonst kommt doch noch jemand von Ihnen plötzlich auf den Gedanken, ich hätte auf dem Hinflug Karl Marx gelesen.

Pão de Açúcar heisst Rios Zuckerhut auf Portugiesisch.

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