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Kommentar

Auch ohne Akutspital: Kein Appenzeller muss auf der Strasse sterben

Am Sonntag stimmen die Innerrhoder an der Landsgemeinde über einen 41-Millionen-Kredit für einen Spitalneubau in Appenzell ab. "Ein Ja würde den Irrweg, auf dem die Ostschweizer Kantone in der Spitalpolitik voranschreiten, weiter zementieren", schreibt Chefredaktor Stefan Schmid in seinem Kommentar.
Stefan Schmid

Die Schalmeienklänge der lokalen Politiker sind unüberhörbar: Es sei wichtig, dass ein Kanton seine Bevölkerung selber versorgen könne, sagt die Innerrhoder Gesundheitschefin Antonia Fässler bei jeder Gelegenheit.

Man wird derlei Parolen auch am Sonntag an der Landsgemeinde in Appenzell zu hören bekommen. Lieber das Innerrhoder Geld im eigenen Kanton ausgeben, als im ausserrhodischen Heiden oder gar im fernen St.Gallen (17,5 km via Haslen-Teufen).

Tönt gut. Tönt selbstbewusst. Aber diese Analyse ist fragwürdig. Ein Ja zum Neubau würde den Irrweg, auf dem die Ostschweizer Kantone in der Spitalpolitik voranschreiten, weiter zementieren. Das kann angesichts unkontrolliert steigender Gesundheitskosten nicht im Interesse der Prämienzahler sein. Appelle an den lokalen Patriotismus sind immer verführerisch – auch wenn die Innerrhoder dafür tief in die Taschen greifen müssen. Der geplante Neubau des Appenzeller Spitals würde mindestens 41 Millionen Franken verschlingen. Dass es bei dieser Summe bleibt, ist unwahrscheinlich.

Bei neuen Spitälern sind Baukostenüberschreitungen praktisch programmiert: Im Kanton St.Gallen bahnen sich Mehrausgaben an, beim Zürcher Triemli-Spital liefen die Kosten komplett aus dem Ruder. Später könnten Defizite im Betrieb dazukommen. So oder so: Es ist sehr viel Geld, das die Steuerzahler im kleinsten Kanton mit bloss 16'000 Einwohnern lockermachen sollen, damit sie sich auch künftig nach einer Operation in einem Innerrhoder Spitalbett erholen können.

Gesundheitsökonom Willy Oggier warnte in einem Interview mit dem "Tagblatt" vor einem Ja zum Neubau: "Der jetzige Vorschlag dürfte sowohl qualitativ als auch betriebswirtschaftlich eine kritische Grösse haben." Mit anderen Worten: Heimatschutz statt Qualität und Wirtschaftlichkeit.

Die Spitalversorgung in der Ostschweiz ist exzellent, das Netz dicht. Alleine die Kantone St.Gallen, Innerrhoden, Ausserrhoden und Thurgau betreiben 14 Spitäler – einige davon haben mit roten Zahlen und schlechter Auslastung zu kämpfen. Ein Blick in den Nachbarkanton Ausserrhoden zeigt, wie sich mangelhafte Vernetzung und fehlende Grösse auswirken können. Die Spitäler in Herisau und Heiden schreiben seit Jahren Defizite. Der Spitalverbund ist auf Schlingerkurs. Eine Zusammenarbeit mit Innerrhoden (einst gescheitert) oder St.Gallen würde sich aufdrängen – am besten mit beiden. Doch was passiert in dieser Hinsicht? Nichts. Gesundheitsökonom Oggier formuliert es so: "Die Kantone haben wenig Anreiz, über die Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten."

Die Gründe dafür sind systembedingt. Jeder Kanton ist primär am Wohlergehen und damit an der Auslastung der eigenen Spitäler interessiert. Einsparungen sind gut, solange sie anderswo erfolgen. Oder noch simpler ausgedrückt: Die Innerrhoder sollen in Innerrhoder Betten gepflegt werden, auch wenn es für die Prämien- und Steuerzahler unter dem Strich teurer kommt. Hauptsache, das Geld bleibt im Kanton.

Einmalig hohe Zahlen

Aus dieser verqueren Logik auszubrechen, ist schwierig. Doch der Leidensdruck nimmt zu. Über 80 Milliarden kostet das Schweizer Gesundheitswesen jährlich. Das sind weltweit einmalig hohe Zahlen. Die Kosten wachsen weiter, Prämienrechnungen steigen und steigen. Das Gesundheitswesen funktioniert wie ein Selbstbedienungsladen. Wer etwas will, bekommt die Leistung. Bezahlen muss die Allgemeinheit. Die Politiker, die handeln wollen, werden von den zahlreichen Lobbyisten ausgebremst. Das darf nicht mehr so weitergehen.

Die Bevölkerung muss sich selber an der Nase nehmen, gerade in der Spitalpolitik. Die Innerrhoder haben am Sonntag Gelegenheit, mutig voranzugehen. Niemand wird auf der Strasse sterben müssen, sollte in Appenzell bald kein Akutspital mehr existieren. Es gibt attraktive Alternativen in der näheren Umgebung. Die Zeit ist reif, ein Zeichen gegen das Gärtchendenken zu setzen.

stefan.schmid@tagblatt.ch

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