Analyse
Anfeindungen in sozialen Medien: Die Fälle Biles und Osaka sind ein Warnschuss für unsere Gesellschaft

Im Netz wird viel geschrieben, gespottet oder geschimpft. Sowohl die japanische Tennisspielerin Naomi Osaka als auch die US-amerikanische Turnerin Simone Biles mussten nach dem Aus bei den Olympischen Spielen viele Anfeindungen ertragen. Dennoch scheint es, dass sich ihre Generation den sozialen Medien unmöglich entziehen kann.

Simon Häring, Tokio
Simon Häring, Tokio
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Die japanische Tennisspielerin Naomi Osaka entzündete das Olympische Feuer.

Die japanische Tennisspielerin Naomi Osaka entzündete das Olympische Feuer.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Als Naomi Osaka vor einer Woche bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele das Feuer entfachte, sollte sie zum Gesicht für ein inklusives Japan werden und zur Figur der Spiele, die Japan zum Symbol der Resilienz nach Tsunami und Reaktorkatastrophe in Fukushima und nach der Verschiebung zum Sieg der Menschheit über das Coronavirus ausgerufen hatte. «Das ist der grösste Moment in meinem Leben. Mir fehlen die Worte, um meine Gefühle zu beschreiben, aber ich weiss, dass es mich mit Dankbarkeit erfüllt», sagte Osaka danach. Nur vier Tage später war ihre Welt nicht mehr die gleiche.

Osaka war im Tennis-Turnier in den der dritten Runde gescheitert und es geschah, was zu befürchten gewesen war: Die Tochter einer Japanerin und eines Haitianers, die Japan in Richtung New York verliessen, nachdem die Familie mit der Mutter gebrochen hatte, weil diese mit einem schwarzen Mann liiert ist, wurde in den sozialen Medien angefeindet. Dort, wo öffentliche Debatten heute ausgetragen werden. «Ich kann immer noch nicht verstehen, weshalb sie die letzte Fackelträgerin war. Obwohl sie Japanerin ist, kann sie nicht einmal richtig Japanisch», schrieb einer und erhielt dafür 10'000 Daumen nach oben.

Nach ihrem Ausscheiden musste Naomi Osaka viele Anfeindungen in sozialen Medien ertragen.

Nach ihrem Ausscheiden musste Naomi Osaka viele Anfeindungen in sozialen Medien ertragen.

Seth Wenig / AP

Erst kürzlich hatte Osaka bekannt gegeben, seit drei Jahren mit Depressionen zu kämpfen und angedeutet, dass der raue Umgang in den sozialen Medien mit ein Grund dafür sei. Sie nahm sich eine Auszeit, doch konsequent war sie nicht. Mitte Juli begann eine dreiteilige Netflix-Dokumentation über sie, im «Time-Magazine» schrieb sie einen Essay mit dem Titel: «Es ist okay, nicht okay zu sein.» Aus den sozialen Netzwerken zog sie sich nicht zurück. Sie bekommt weiter mit, was dort über sie geschrieben wird.

Unmögliche Erwartungshaltungen

Viel geschrieben wird auch über Simone Biles, die US-Turnerin, die 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro vier Mal Gold, ein Mal Silber und ein Mal Bronze gewonnen hatte, seit sie sich in Tokio aus einigen Wettbewerben zurückgezogen hat und den Schutz ihrer psychischen Gesundheit geltend gemacht hatte. Anders als Osaka erklärte sich Biles ausführlich. Sie habe mit «all diesen Dämonen» zu kämpfen und fühle sich manchmal, als hätte sie das Gewicht der ganzen Welt auf sich zu tragen. Sie müsse sich auf ihre psychische Gesundheit konzentrieren. Ihr fehle das gewohnte Vertrauen in sich, sagte Biles – und brach in Tränen aus.

Das Schicksal von Simone Biles wird öffentlich verhandelt. Über die sozialen Medien beteiligt sich die Turnerin an der Debatte.

Das Schicksal von Simone Biles wird öffentlich verhandelt. Über die sozialen Medien beteiligt sich die Turnerin an der Debatte.

Gregory Bull / AP

Biles hat schon manchen Schicksalsschlag erlitten. Sie gehörte zu den Missbrauchsopfern des früheren US-Teamarztes, ihr Bruder stand wegen Mordverdachts vor Gericht, wurde aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen. 2018 begab sie sich in Therapie. «Diese und Medikamente haben mir sehr geholfen, es ist gut gegangen, aber wenn du in Stresssituationen gerätst, flippst du aus», sagte sie in Tokio.

Osaka wählt den Rückzug, Biles die öffentliche Auseinandersetzung, um auf das gleiche Problem aufmerksam zu machen. Sie sind phänomenale Sportlerinnen, 23 und 24 Jahre jung, die sich in jüngerer Vergangenheit vermehrt zu gesellschaftlichen Themen, etwa zur «Black Lives Matter»-Bewegung, geäussert haben. Sie gewannen an Profil, doch sie schürten auch eine Erwartungshaltung, die sie unmöglich zu erfüllen vermögen und setzten sich damit einem unkontrollierbaren Online-Mob aus.

Jede Wortmeldung kann Narben hinterlassen

Nun könnte man das abtun als Geschehen in einer Echokammer, das mit der Realität nicht viel zu tun hat. Doch so ist es nicht. Die Generation von Osaka und Biles lebt nicht in der Parallelwelt der sozialen Medien, nein, diese sind ein integraler Teil ihrer Lebensrealität. Sich von ihr abzunabeln, würde bedeuten, sich aus einem Teil des gesellschaftlichen Lebens zurückzuziehen, der für sie so fester Bestandteil ist wie die Schule, der Jugendtreff oder der Sportverein.

Biles und Osaka mögen kraft ihrer Bekanntheit Extrembeispiele sein. Gleichwohl manifestiert sich an ihren Fällen, in welchen Realitäten ihre Generation aufwächst, und dass sie sich diesen unmöglich entziehen können. Es mahnt uns dazu, nicht nur, aber auch in den sozialen Medien einen verständnisvollen, empathischen und rücksichtsvollen Dialog zu pflegen, weil jede Wortmeldung Wunden und Narben hinterlassen kann. So gesehen sind die Fälle von Osaka und Biles ein Warnschuss für unsere Gesellschaft.

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