Abstimmungen
An der Stadtgrenze scheiden sich die Verkehrsgeister

In beiden Basel stehen Abstimmungen über verkehrspolitische Fragen bevor. Etwas zugespitzt entscheiden die Baselbieter, ob sie mehr Verkehr, die Städter, ob sie weniger Verkehr haben möchten. Doch lösen liesse sich das Verkehrsproblem nur gemeinsam.

Matthias Zehnder
Matthias Zehnder
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Velowege für die Stadt, neue Strassen für das Land? Die beiden Basel sollten für eine Lösung des Verkehrsproblems nicht in entgegengesetzte Richtungen steuern. (Symbolbild)

Velowege für die Stadt, neue Strassen für das Land? Die beiden Basel sollten für eine Lösung des Verkehrsproblems nicht in entgegengesetzte Richtungen steuern. (Symbolbild)

Keystone

Morgen Sonntag und am Sonntag in zwei Wochen kommen in den beiden Basel zwei Verkehrsvorlagen zur Abstimmung, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Im Baselland geht es um die Frage, ob im Bereich Leimental-Birseck-Allschwil für über eine Milliarde Franken eine neue Strassentangente gebaut werden soll. Im Kanton Basel-Stadt geht es um die Strasseninitiative des VCS, die Fussgängern und Velos auf den Hauptachsen mehr Platz und Sicherheit verschaffen will.

Etwas zugespitzt befindet die Baselbieter Bevölkerung darüber, ob sie mehr Verkehr, die städtische Bevölkerung, ob sie weniger Verkehr haben möchte. Im Extremfall bauen die Baselbieter grössere Strassen bis an die Stadtgrenze, wo der Verkehr unerwünscht ist und gestoppt wird.

Alle wollen in die Stadt, die Städter sind schon da

Die beiden gegensätzlichen Vorlagen sind kein Zufall, sondern Ausdruck der gegensätzlichen Bedürfnisse (und Sehnsüchte) in den beiden Siedlungsräumen. Auf dem Land und in der Agglomeration braucht es Strassen, weil die Bevölkerung ihr Leben nicht nur im Vorort verbringt. Die Arbeitsplätze sind häufig in der Stadt, Schulen und die Universität ebenfalls, Kinos und Theater sowieso.

In der Stadt denken und leben viele Menschen völlig anders: Sie brauchen oft kein Auto (und entsprechend keine teuren Hochleistungsstrassen), weil sie alle Bedürfnisse bequem in Geh- oder Velodistanz befriedigen können. Man könnte, wieder etwas überspitzt, sagen: Alle wollen in die Stadt, deshalb wollen die Landschäftler Strassen und die Städter, die ja schon in der Stadt sind, bloss Fuss- und Velowege. Das dringendste Verkehrsanliegen ist in der Stadt Basel denn auch keine neue Strasse, sondern ein neues Parkhaus: Ziel ist es also, das Auto besser abstellen zu können.

Wie schwer es Autos in der Stadt haben, beweist ein Blick in die Statistik: Die Stadt Basel hat schweizweit die kleinste Autodichte. Die aktuelle Statistik der Schweizer Städte zählt in Basel 347 Autos pro 1000 Einwohner. Das ist nicht etwa so, weil Basel links-grün und autofeindlich regiert würde. Es ist eine Eigenschaft aller Städte. In Basel ist die Eigenschaft nur etwas ausgeprägter, weil die Stadt Basel nie Vororte eingemeinden konnte. Die Autodichte in anderen Städten ist ähnlich tief: In der Stadt Zürich beträgt sie 359, in Genf 385 und in Bern 388.

Im Durchschnitt sind in der Schweiz 531 Autos pro 1000 Einwohner eingelöst. Liestal (507), Pratteln (509), Aarau (518) und Reinach (523) sind knapp unter dem Schnitt, Solothurn (542), Möhlin (543) und Aesch (551) knapp darüber. Zu den Gemeinden mit den höchsten Autodichten zählen Opfikon (690), Schlieren (702), Cham (723) und Freienbach (735). Die Statistik untermauert die These: In der Stadt braucht man kein Auto und setzt deshalb auf Velo und Tram oder geht zu Fuss. Auf dem Land ist man auf das Auto so angewiesen, dass vor vielen Einfamilienhäusern gleich zwei Autos stehen.

Das grosse Problem in der Region Basel ist, dass sich die Stadt, die Autos nicht braucht und das sie umgebende Land, das auf Autos angewiesen ist, in zwei verschiedenen Kantonen befinden und die beiden Kantone, sagen wir: unterschiedlich regiert werden. Lägen Stadt und Land in einem Kanton, würde sich vielleicht eine Lösung realisieren lassen, wie sie in Strassburg praktiziert wird: Ausserhalb der Stadt stehen den Autofahrern grosse Parkflächen zur Verfügung, mit dem Parkticket können bis zu sieben Personen per Tram in die Innenstadt fahren. Auf diese Weise wird der Stadtbewohner von den Autos verschont und der Landbewohner trotzdem nicht ausgesperrt.

Aber auch auf dem Land sind Strassen nicht nur beliebt. Denn Strassen haben einen gewichtigen Nachteil: Der Nutzen einer Strasse fällt nie da an, wo sie gebaut wird, sondern an ihrem Anfang und am Ende. Für die Anwohner ist eine Strasse in erster Linie eine Belastung: Autos machen Lärm und produzieren Abgase. Wer die Strasse benutzt, bemerkt davon nichts. Das führt dazu, dass gerade Durchgangsstrassen da, wo sie gebaut werden, auf Ablehnung stossen.

Die Lösung? Gibt es nicht. Wenigstens nicht in Form von noch mehr Strassen. Der Gegensatz zwischen einer Landschaft, die auf Fortkommen baut, und einer Stadt, die auf Dasein beruht, ist zu gross. Verringern lässt sich Verkehr nur durch verdichtetes Bauen in der Stadt, mit einer klugen Durchmischung von Wohnen und Arbeiten. Solange aber Stadt und Land das Verkehrsproblem völlig getrennt angehen, wird es keine Lösung geben, weil Stadt wie Land je unrealistische Sehnsüchte bewirtschaften.

In drei Wochen startet die Klimakonferenz von Paris. Ziel ist es, den weltweiten CO2-Ausstoss endlich zu begrenzen. Wissenschafter warnen jetzt schon, dass die geplanten Massnahmen nicht ausreichen werden. Natürlich ist es nicht am Baselbiet (oder an Basel), die Welt zu retten. Aber an jedem einzelnen Basler und Baselbieter. Wenn es eine Verhaltensmaxime gibt, dann die: Verhalte dich so, dass auch deine Kinder gut leben können. Was das für die beiden Abstimmungen heisst, muss jeder selbst beurteilen.