Kommentar
Alle haben verloren

Tausende Tote – und kein Schuldiger?» Die Empörung der Asbestopfer und ihrer Angehörigen nach dem Freispruch für Stephan Schmidheiny ist auf den ersten Blick verständlich.

Dominik Straub, Rom
Dominik Straub, Rom
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Stephan Schmidheiny.

Stephan Schmidheiny.

Doch die Frage ist falsch gestellt. Richtig müsste sie lauten: Sind wir wirklich sicher, dass die Justiz mit dem ehemaligen SEG-Chef den richtigen und vor allem den einzigen Schuldigen für das Asbestdrama vor Gericht gestellt hat?

Die Fokussierung auf Schmidheiny war bequem: Sie lenkte von der Verantwortung der eigenen Behörden ab, welche die Asbestverarbeitung erst Jahre später verboten. Es war auch bequem für die Gewerkschaften, welche einst gegen die Schliessung der Eternit-Fabriken protestierten und sich dann im Prozess als Zivilkläger aufspielten. Es war bequem für die Invalidenversicherung, die Vorschriften für den «safe use» verspätet erlassen und dann kaum kontrolliert hatte und nun darüber jammert, dass die Asbestopfer schon 280 Millionen Euro gekostet hätten. Es war bequem für alle.

Schmidheiny trifft als führender ehemaliger Asbest-Unternehmer zweifellos eine Mitverantwortung – nicht nur in Italien, auch in der Schweiz. Doch der Versuch, das tödliche Vermächtnis der Asbestverarbeitung in einem Schauprozess auf einen Einzelnen abzuschieben, war der falsche Weg. Und ausserdem begleitet von Verstössen gegen die Prinzipien der fairen Prozessführung und von Rechtsbeugungen in der Vorinstanz.

Letztlich haben bei diesem Prozess alle verloren: die italienische Justiz, deren Glaubwürdigkeit weiter gelitten hat und die sich mit einer neuen Anklage endgültig lächerlich machen wird. Schmidheiny, der seit Jahren im Stillen den Opfern hilft und sich als Massenmörder verunglimpfen lassen musste; der italienische Staat, der ausländische Investoren abschreckt. Und nicht zuletzt auch die Opfer und ihre Angehörigen, denen während Jahren vorgegaukelt wurde, ihnen werde Gerechtigkeit zuteil, wenn ein Sündenbock hinter Gitter wandere.