«wir eltern»-Blog
Aggressivität leben - aber wie?

Schläge sind tabu. Verbale Gewalt auch. Liebesentzug sowieso. Welche Möglichkeiten bleiben denn noch, wenn man den Kindern seinen Missmut ausdrücken will?

Reto Hunziker
Reto Hunziker
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Junge wird am Ohr gezogen

Junge wird am Ohr gezogen

Junge wird am Ohr gezogen

Am 30. April war «No hitting day» des Kinderschutzes Schweiz. Das kümmerte mich eigentlich wenig, weil mittlerweile sowieso jeder Tag ein besonderer Tag ist. Heute (20. Mai 2016) ist zum Beispiel World Metrology Day. Aber auch Vesak Tag. Und Deutscher Venen-Tag. Zudem wirkt und klingt ein «no hitting day» seltsam – als müsste man einen Tag einrichten, an dem man seine Kinder ausnahmsweise nicht schlägt. Es hat mich dann aber doch gekümmert, nachdem ich diesen Artikel von Margrit Stamm, emeritierter Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft, gelesen habe. Stamm zeigt darin Folgendes auf: Wenn über Aggressionen gegenüber Kindern diskutiert wird, geht es immer nur um Körperstrafen wie Schläge oder Ohrfeigen. Viel öfter werde jedoch Liebesentzug als Strafe angewandt – was für die Psyche des Kindes mindestens genauso schädlich ist. Wie will man also das eine unter Strafe verbieten (wie es etwa die Zürcher SP-Nationalrätin Chantal Galladé in einer Motion fordert) und das andere zulassen? Dann kommt Stamms in meinen Augen richtige Conclusio:

  • Eltern sollten erkennen, dass sie ein gewisses Mass an Aggressivität leben dürfen, weil dieses zum Miteinander und zum Familienleben gehört.

Und weiter:

Ja. Absolut. Vollkommen einverstanden. Aber wie?

Wo wir doch genau wissen, dass Liebesentzug schadet und Körperstrafen auch und anschreien ebenfalls nichts bringt. Auf welche Art können wir denn sonst aggressiv sein? Können wir überhaupt Aggressivität pädagogisch wertvoll leben? Muss die nicht sowieso ein bisschen weh tun? Geht es nicht gerade darum? Hat es nicht auch weh getan, als wir damals unsere Lektionen lernen mussten? Auch körperlich? Und haben wir nicht genau jene Lektionen jahrzehntelang verinnerlicht? Andererseits: Wollen wir das unseren Kindern antun?

Für mich ist das ein Dilemma par excellence. Ich habe noch nie ein Kind geohrfeigt, auch wenn es mich schon arg in den Fingern gejuckt hat. Ich kann aber nicht versichern, dass es nie passieren wird. Es wird wohl immer ultima ratio für mich sein – wobei, von ratio kann man dann ja eben nicht mehr wirklich sprechen. Ich bin aber auch überzeugt, dass Eltern ihren Aggressionen gegenüber den Kindern Luft machen sollten. Und finde es auch völlig normal, dass diese solche haben (im Gegensatz zu diesen «Alles-ist-prima»-Eltern – aber das ist ein anderes Thema).

Streng genommen haben wir nur die Wahl zwischen Regen und Traufe – zwischen einer Strafe, die körperlich wirkt und einer, die psychologisch wirkt. Und aus dem Fundus an Folterinstrumenten wählen wir jenes, bei dem wir am wenigsten Skrupel haben, es anzuwenden. Meine «weapon of choice»: Ich werde laut – also verbale Gewalt. Und ihr?