Kolumne
Die Niederlage des Westens in Afghanistan muss Lehren nach sich ziehen

Der Abzug der USA aus Afghanistan verlief chaotisch und spielt China in die Hände. Das müsste nicht so sein, findet unser Autor.

Thomas Kessler
Thomas Kessler
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Die US Airforce überwacht die Ausführung von Afghaninnen und Afghanen auf dem Flughafen in Kabul.

Die US Airforce überwacht die Ausführung von Afghaninnen und Afghanen auf dem Flughafen in Kabul.

Keystone

Die verstörenden Bilder aus Kabul beschäftigen auch die Innenpolitik. Der Bund solle umgehend 10'000 Flüchtende aufnehmen. Die Schweizer Spezialisten vor Ort versuchen derweil, wenigstens die 35 Landleute mit ihren 250 lokalen Helfern aus dem Chaos zu bringen. Im Land selber sind fast die Hälfte, 18 Millionen Menschen, bitterarm, Millionen sind bereits geflüchtet – wie auch andernorts: Zwischen Südsudan und Myanmar gehört die globale Aufmerksamkeit allerdings jeweils gerade jenen, die im Licht der internationalen Medien stehen. Abseits davon leben in Asien und Afrika 80 Millionen Geflüchtete in prekärsten Verhältnissen, 50 Millionen als Binnenflüchtlinge.

Man braucht kein Prophet zu sein, um die nächsten Krisen zu erahnen. Somalia ist fragil, Libanon in Geiselhaft der Hisbollah, Äthiopien im Bürgerkrieg, Eritrea daran beteiligt. In Jemen verhungern Kinder. Aus den einst stabilen Maghrebstaaten wie Tunesien versuchen Tausende zu fliehen. Im Irak ist der Islamische Staat (IS) wieder 30'000 Mann stark.

Wenn China höhnt, die USA und ihre Verbündeten würden nach ihren Interventionen jeweils Chaos hinterlassen, bleibt mit Blick auf die Chronologie «Vietnam – Iran – Irak» und «Syrien – Libyen – Afghanistan» das knappe Résumé: Ja, stimmt. Und es stimmt auch, dass China abwarten kann und jeweils mit Krediten, Handelsabkommen und Abbaulizenzen nachfasst.

Das westliche Scheitern liegt im schwachen Verständnis für die komplexen Verhältnisse im Nahen und Mittleren Osten. Was den Amerikanern aufgrund ihrer Geschichte und Ferne abgeht, kompensieren die Europäer nicht genügend. Auch hierzulande dominiert Gutgemeintes.

Das muss nicht sein. Die Schweiz ist mit ihrer amtlichen DEZA, den Nichtregierungsorganisationen, dem Internationalen Roten Kreuz und der UNO in den Krisengebieten mit Hilfe präsent; ihre diplomatischen Dienste werden geschätzt. In Bundesbern arbeiten Länderspezialistinnen, vor Ort sind erfahrene Profis im Einsatz. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) publiziert fundierte Strategien und Länderberichte. Der innenpolitische Diskurs bleibt aber trotzdem unbedarft.

Diese Weltfremdheit passt eigentlich nicht zum– zusammen mit Singapur – meistglobalisierten Land der Welt. Unsere Wirtschaft ist international eng vernetzt und verkauft ihre Produkte mit interkulturellen Kompetenzen, 60 Prozent der Wirtschaftsleistung stammen aus dem Export. Seit 1870 sind wir ein Einwanderungsland, 190 Nationen sind hier vertreten. In den Städten ist jede zweite Ehe binational. Über 20000 Menschen aus Afghanistan leben in der Schweiz, afghanische Kulturschätze werden hier für bessere Zeiten gehütet.

Mit dieser Ausgangslage sollten wir mehr von der Welt wissen, auch von der Ökonomie von Krieg und Terror. Sie kosten viel Geld, Dollars sichern die Loyalität der Krieger. Öl und Drogen sind die Hauptquellen. Aserbaidschan hat die Armenier in Berg-Karabach mit modernsten Drohnen weggebombt, finanziert über die Socar-Tankstellen in der Schweiz. Die Taliban sind im globalen Drogengeschäft führend– die Prohibition sichert die Profite. Beides muss nicht sein.

Gut ist, dass mit aktiver Schweizer Beteiligung am 24. August die Sondersitzung des UNO-Menschenrechtsrates stattfindet. Er hat bisher nicht immer überzeugt, will nun aber einen Factfinding-Mechanismus prüfen, um Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen aufzuklären und die Täter zu evaluieren. Nach den grausamen Verbrechen an Schulmädchen, Journalistinnen und Minderheiten ist dies wichtig, Terror soll nirgends straflos sein. Liebes EDA: Wir wollen vom Engagement (noch) mehr hören und sehen!

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