Gastautorin

Wie viel ist genug?

Myriam Frey Schär
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Die Autorin kann sehr schnell einkaufen. (Symbolbild)

Die Autorin kann sehr schnell einkaufen. (Symbolbild)

CH Media

Ich habe eine Fähigkeit, die sich in Zeiten von Corona als besonders nützlich herausgestellt hat: Ich kann unglaublich schnell einkaufen. Ich habe das seinerzeit von meiner Mutter gelernt, deren Zeitmanagement zwischen Kindern, Beruf und Haushalt in jeder Hinsicht nachahmenswert war. Zwei Dinge sind dabei zentral: die Gestaltung des Einkaufszettels und der Tunnelblick. Der Einkaufszettel folgt der Auslage des Geschäfts, in meinem Fall die Lebensmittelabteilung des Coop City. Zuoberst Gemüse, dann Brot, am Schluss Waschpulver. Und mit dem Tunnelblick lässt sich sicherstellen, dass das Auge nicht abgelenkt wird von all den Genuss-Innovationen, angesagten Getreidesorten und Wochenhits, die um die gewünschten Artikel herum in den Regalen stehen. Ein Halbwocheneinkauf lässt sich damit abzüglich Wartezeit an der Kasse locker in fünf bis sieben Minuten bewältigen.

Coop und andere Supermarktketten haben keine Freude an Kundinnen wie mir, weshalb sie die Regale sporadisch komplett neu organisieren. Dies verunmöglicht mir einerseits für eine gewisse Zeit die korrekte Gestaltung des Einkaufszettels und zwingt mich andererseits, meinen Blick zu öffnen und auf der Suche nach meinem Bio-Knuspermüesli die gesamte Produktpalette wahrzunehmen. Auf der Suche nach Essiggurken oder dem neuen Backwarengestell kommt mir bisweilen die russische Austauschklasse in den Sinn, die uns während der Glasnost-Zeit der späten Achtzigerjahre besuchte. Die absolute Sprach- und Fassungslosigkeit der Schülerinnen und Schüler angesichts unseres Zahnpasta-Angebots ist unvergesslich.

Nun liegt es mir fern, die Mangelwirtschaft und die leeren Regale der Sowjetunion verklären zu wollen. Niemand sollte jemals stundenlang für Grundnahrungsmittel anstehen müssen und die Idee, ständig spontan meine Kochpläne ändern zu müssen, weil es heute gerade in der ganzen Stadt nirgendwo Rüebli, Zwiebeln oder Mehl gibt, ist furchtbar – und zwar nicht nur, weil meine Kochkünste bei weitem nicht ausreichen, um spontan mit ein paar originellen Zutaten etwas Leckeres zu zaubern. Aber trotzdem ist es vielleicht nicht verkehrt, sich ab und zu mal vor zwei Laufmeter Kartoffelchips hinzustellen und sich zu fragen, wozu genau wir eigentlich Hunderte Snackartikel brauchen, ob es unserer Lebensqualität enorm abträglich wäre, wenn nur 20 Sorten Frühstücksflocken im Gestell stünden oder ob unsere Verdauung mit einer Auswahl von lediglich fünf verschiedenen Laktobazillusjoghurts klarkommen würde.

Konfrontiert mit der unglaublichen Fülle von Konsumgütern, die uns heute in Läden und online zur Verfügung stehen, hätte mein 16-jähriges Ich von damals möglicherweise mit der gleichen Fassungslosigkeit reagiert wie die russische Klasse auf die Auslage im Coop. Nur dass ich damals, ganz im Gegensatz zu unseren Austauschschülerinnen und Austauschschülern, überhaupt nicht das Gefühl hatte, dass uns etwas fehlt.

Myriam Frey Schär; Fachübersetzerin und Architektin, Olten.