Wie therapiert man ein Helfersyndrom?

Läge die Stadt Grenchen auf einer Psychiatrie-Couch, würde man bei ihr wohl ein Helfersyndrom diagnostizieren.

Andreas Kummer*
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Frei nach Wikipedia bedeutet das eine Hilfsbereitschaft, die bis zu Selbstschädigung führt, dabei übersieht oder unterschätzt sie die Grenzen und ignoriert auch die Frage, ob ihre Hilfe überhaupt erwünscht oder sinnvoll ist. Die Ursache ist ein schwaches Selbstwertgefühl, die Folge ist ein Burnout.

Grenchen bietet Zugang zu über 50 Unterstützungsprogrammen alleine für Kinder und Jugendliche, hinzu kommen die üblichen Unterstützungsmöglichkeiten für Kinder und Erwachsene im Sozialhilfebereich. Es wird begleitet, beraten, betreut, früherzogen, gefördert, integriert und therapiert, was das Zeug hält. Zu Recht bezeichnen sich Lehrer und Sozialamtsvorsteher regelmässig als «Reparaturwerkstatt» für alles, was ausserhalb ihres Einflussbereichs schiefgelaufen ist.

Diese Leute leisten wohlverstanden sehr gute und wertvolle Arbeit. Es geht vielmehr um die Frage, wie lange wir uns das noch leisten können. Die CVP/GLP-Fraktion war kürzlich im Gemeinderat für die Beibehaltung der bisherigen Anzahl Förderlektionen für schulschwache Schüler in der Primarschule, wurde aber durch die SP und Teile der FDP überstimmt, die einen massiven Ausbau dieser Lektionen befürworteten. Ein Traktandum vorher hatte man noch hitzig über das grosse Budgetdefizit debattiert. Die Lösung kann aber nicht ständiger Ausbau, sondern nur Umbau heissen. Sonst droht der Burnout.

Beim Bachtelen geht man einen anderen Weg. Dort hat man es geschafft, bei seit Jahren rückläufigen Budgets den Auftrag in Menge und Qualität aufrechtzuerhalten und sogar zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Der Druck, Leistungen und Abläufe zu hinterfragen und Synergien zu schaffen, führt zu Optimierungen. Beim nur mengenmässigen Ausbau findet dieser Prozess nicht statt. Das grössere Angebot zieht automatisch eine grössere Nachfrage nach sich.

Indem die sogenannten Reparaturwerkstätten immer weiter ausgebaut werden, wird immer mehr Geld für wenige Menschen ausgegeben und immer weniger für viele. Aber die öffentliche Hand hat das Wohlergehen aller zum Ziel.

Wie therapiert man ein Helfersyndrom? Dazu eine Psychiaterin: Es ist wichtig, Hilfe anzunehmen, sein Umfeld zu animieren, vermehrt Aufgaben selbst zu übernehmen und für Entlastung zu sorgen. Seine eigenen Bedürfnisse und Hauptaufgaben wieder in den Vordergrund zu stellen, die eigenen Ressourcen zu stärken und den Mut zu entwickeln, auch einmal Nein sagen zu können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Also, jetzt wissen wirs.

*Andreas Kummer, Rechtsanwalt und Notar, Fraktionschef CVP/GLP.