Persönlich

Noch einmal (k)ein Vermuten

Balz Bruder
Drucken
Teilen
Noch müssen die Schuhe nicht mit Herbstlaub klarkommen.

Noch müssen die Schuhe nicht mit Herbstlaub klarkommen.

Kenneth Nars

Die Fragen, die einen in diesen Tagen, da der Sommer noch einmal alles gibt, umtreiben, sind schwerwiegend. Sie beginnen am Morgen vor dem Kleiderschrank, wo noch die Sommergarderobe hängt, aber eigentlich Herbst Einzug halten müsste. Oder vor dem Schuhschrank, wo Sohlen, die dem Blätterwerk am Boden Paroli bieten, jahreszeitlich eher angemessen wären als der Sommerschuh, der vor zwanzig Jahren, da ich ihn bei Bally (sic!) erstanden hatte, ebenso wenig in der Mode stand wie heute.

Vollends in Nöte stürzt uns die Wahl des Orts für das Mittagsmahl. Noch einmal, nein, kein Vermuten, wo längst Gewissheit wacht wie bei Gottfried Benn, sondern das Werweissen darüber, ob es bald das letzte Mal sein könnte, dass die Polpette im Halbschatten des Rebenlaubs im «Vini» kredenzt werden – oder ob es schon Zeit ist für den Hackbraten am Ecktisch rechts hinter der Eingangstür im «Kreuz».

Ja, so hoffnungsvoll-melancholisch sind diese spätsommerlichen Frühherbsttage. Man möchte sie um nichts in der Welt missen. Aber sie stürzen jene, die Angst vor dem Ende des Sommers und Panik vor dem Anbruch des Winters haben, in unendliche Entscheidungsnöte. Im Wissen, wie es am Ende ausgehen wird.

balz.bruder@chmedia.ch