Geistschreiber

Von Nachbarn mit Knarren

Willi Näf
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Bald heisst es: «Gib mir dein WC-Papier rüber!» (Symbolbild)

Bald heisst es: «Gib mir dein WC-Papier rüber!» (Symbolbild)

Thinkstock

Meine Appenzeller Grossmutter Annetta selig hatte stets ein dickes Telefonbuch der PTT neben ihrem Plumpsklo. Nicht zwecks Lektüre bei komplexeren Geschäftstätigkeiten. Sondern zwecks etwas anderem. Die Saugfähigkeit des Papiers war höher als bei der Glückspost. Heute gibt’s Handys statt Telefonbücher. Mit Handys kann man vieles. Aber einiges dann doch nicht. Darum hamstern Menschen bei aufkommender Durftnot eben WC-Papier.

In den USA ist es anders. Dort hamstern sie Schusswaffen. Die Los Angeles Times berichtet von einer Waffenhändlerin, deren Umsätze sich versechsfachten. Es bewaffneten sich viele bleiche Bleichgesichter und noch mehr gelbe Gelbhäute, die fürchteten, von Mitbürgenden ins Visier genommen zu werden, weil das Genie im Weissen Haus ja bewusst vom «Chinavirus» twittert.

Der Waffenkauf hat Logik. Im Coronakrieg, wie man ihn dermaleinst im Geschichtsunterricht nennen wird, kommt nämlich dein Nachbar herüber, schiebt dir seine Knarre ins Gesicht und fordert WC-Papier. Natürlich nicht für sich, sondern für seine Familie, bewaffnet ist er ja nur zu ihrem Schutz, gell. Und jetzt bist du froh, hast auch du dir noch schuss eine Waffe besorgt. Nun könnt ihr euch draussen duellieren. Wer überlebt, kriegt das WC-Papier und überlässt den Familienangehörigen des Verlierers im Gegenzug ein paar Thoughts & Prayers. Für jene, die kein Englisch können: «Gedanken & Gebete» ist die Standardantwort republikanischer Politiker auf Massaker.

2016 starben in den USA über 38'000 Menschen durch Schusswaffen. Das sind 2000 mehr, als im Kanton Uri wohnen. In den USA gibt’s auf 100 Menschen 88 Waffen. Ich will nicht behaupten, einige von denen hätten einen Schuss ab, aber wenn jemand anders das behauptet, dann dementiere ich es nicht.
Diese Woche träumte mir, unsere Nachbarn Erwin (links) und Simon (rechts) ständen mit Knarren vor meiner Türe und forderten WC-Papier. Ich bin schreiend erwacht. Aber ich habe mich schnell beruhigt. Erwin und Simon sind zu nett für so was. Und unser WC-Papier bräuchten sie nicht mal im Fall einer Kriegsnotdurft. Sie haben nämlich die bz mit der Schweiz am Wochenende abonniert. Und nicht etwa die Glückspost.