Geistschreiber

Panikmache!!!

Willi Näf
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Willi Näf: «Personen aus erkrankten Familien sollen den öffentlichen Verkehr meiden. Ist das noch Quarantäne oder bereits Schikane?» (Archivbild)

Willi Näf: «Personen aus erkrankten Familien sollen den öffentlichen Verkehr meiden. Ist das noch Quarantäne oder bereits Schikane?» (Archivbild)

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Nei ehrlich! Sogar das Singen im Gottesdienst haben sie verboten. Weil nur die frohe Botschaft verbreitet werden soll und keine garstige Krankheit. Als ob ausgerechnet der Gesang ein Risikofaktor wäre. Der Pfarrer mag noch so sehr nach Ostern klingen, die Gemeinde klingt doch meist nach Karfreitag. Bis zur letzten Strophe soviel Inbrunst zu mobilisieren, dass der Gesang in den Genicken der vorderen Reihe spritziger ankommt als der Liedtext es insinuiert, das gelingt schweizweit nur noch elf Personen. Neun Mitgliedern der Risikogruppe und zwei Konfirmanden ohne Handies aber mit Restalkohol.

Noch härter trifft das Singverbot die Chörli, die sich wegen und nicht trotz des Gesanges treffen, denn «Vereinsversammlungen und namentlich Gesangsübungen sind zu unterlassen». Weitere Massnahmen: Grössere Ansammlungen in den Wirtschaften sind zu vermeiden. Das Singen und Tanzen ist streng verboten. Aborte und Pissoirs sind regelmässig zu desinfizieren. Beim Husten sollte das Schnupftuch vor den Mund gehalten werden. Der Viehmarkt wird abbestellt. Personen aus erkrankten Familien sollen den öffentlichen Verkehr meiden. Ist das noch Quarantäne oder bereits Schikane?

Zuwiderhandlungen würden «unnachsichtlich bestraft», schreibt der Gemeinderat auf seinem Plakat und appelliert «an den guten Willen der Bevölkerung zur Innehaltung vorstehender Vorschriften», denn «sie wurden auf Anregung der Ärzteschaft erlassen, die alle Verantwortung bei Nichtbefolgung ablehnt.» Das ist reine Wissenschaftsgläubigkeit! Der Sissacher Gemeinderat entblödet sich nicht, «zur Verhütung der weiteren Ausbreitung der Grippe-Epidemie, die in Sissach in den letzten Tagen bedenklich zugenommen hat», eine solche Bekanntmachung aufzuhängen. Und das am 4. Oktober anno 1918. Ich frage Sie: Wozu waren diese übertriebenen Massnahmen denn nötig, wenn an der Spanischen Grippe ja dann doch nur etwa 25’000 Schweizerinnen und Schweizer gestorben sind?

PS: Gemeindeschreiber Rieder bat damals wirklich um «Innehaltung» und nicht um «Einhaltung» der Vorschriften. Womöglich im Wissen, dass Ersteres manchmal Letzteres auslöst. Das gefällt mir. Es gab halt schon 1918 kluge Behördenmitglieder. Genau wie heute.