Innen und Aussen
Macht korrumpiert – Kulanz adelt – Weisheit trägt

Innen und Aussen über hier und dort, früher und heute.

Thomas Kessler
Thomas Kessler
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Vielleicht sollte man in der hiesigen Politik jeweils kurz einen Blick in die weitere Nachbarschaft werfen, bevor man wieder verbissen über jeden Parkplatz streitet.

Vielleicht sollte man in der hiesigen Politik jeweils kurz einen Blick in die weitere Nachbarschaft werfen, bevor man wieder verbissen über jeden Parkplatz streitet.

Nicole Nars-Zimmer niz

Kürzlich an einem schönen Sonntagmorgen in Basel. Ich fahre mit dem Velo zum Münsterplatz und gerate in der St. Alban-Vorstadt in ein Gewirr von Kadetten, Abschrankungen und Verbotsschildern. Diese sind dort, um Platz zu schaffen für jene Sportsfreunde, die gerne am Sonntagmorgen im historischen Kern über Asphalt und Pflastersteine rennen.

Rücksichtsvoll und kreativ suche ich den besten Weg, um trotzdem noch pünktlich ans Ziel zu kommen. Polizist Lenz sieht das und klärt dann auf: Das gibt 30 Franken Busse für ..., weitere 40 Franken für ..., und so weiter. Er agiert vorbildlich: informativ, verhältnismässig, mit Augenmass und schliesslich kulant. Wir einigen uns darauf, dass ich den Betrag einer wohltätigen Institution spende. Dieser feine Umgang des Polizisten mit zugesprochener Macht ist allerdings nicht selbstverständlich.

Dass ein Mensch überhaupt über längere Zeit Macht über Menschen und Ressourcen ausübt, ist in unserer Urpsyche nämlich gar nicht vorgesehen. In den Millionen von Jahren vor der Sesshaftigkeit lebten wir Homo sapiens in überschaubaren Gruppen und waren existenziell aufeinander angewiesen. Gemeinsinn war überlebenswichtig, Kriegs- und Jagdchefs mussten sich nach getaner Arbeit wieder als Gleiche in die Gemeinschaft einfügen.

Bekanntlich ist es seit dem Sündenfall anders, grosse Systeme brauchen Organisationen mit machtvollen Hierarchien. Und in fast allen Intrigen, Ränkespielen und Kriegen geht es um Macht. Brutal wie in Syrien oder im Südsudan, aber auch schon im Kleinen, im gemütlichen Basel und im Schweizerland. Der Umgang mit Macht überfordert auch Gemüter in sattem Wohlstand.

War es klug vom Zürcher Stadtrat, bei der Ressortzuteilung mit der grossen Übermacht der einen Seite die kleine Minderheit zu demütigen? Ohne weitblickende Weisheit gäbe es die heutige Schweiz in ihrer harmonischen Form gar nicht; die klugen Vorgaben und Befehle des Generals Dufour von 1847 (im allerletzten Schweizer Krieg) haben Weltrang: «Il faut sortir de cette lutte non seulement victorieux, mais aussi sans reproche» – ohne Vorwurf. Er erklärte den Soldaten, dass der heutige Gegner der Mitbürger und Nachbar von morgen ist.

Diese Klugheit ist rar. Schon eine Flugstunde entfernt Richtung Südost herrschen derzeit gefährliche Ressentiments, eine weitere Flugstunde weiter heikle politische Krisen und nochmals eine Flugstunde weiter offene Kriegstreiberei.

Kürzlich ist mein Freund H. aus seiner einst wunderschönen Heimatstadt Bengasi (via Tunis 4 Stunden Flug) zurückgekehrt und hat mir seine Videoaufnahmen gezeigt: 70 Prozent der Stadt sind zerstört, anstelle des früheren Despoten und Ordnungsgaranten Gaddafi herrschen nun im ganzen Land korrupte Kriegerclans. Die Reichen und Mächtigen laden gerne zum üppigen Fest mit allen Genüssen, völlig frei vom frömmlerischen Theater in der Öffentlichkeit. Macht und Hypokrisie finden sich schnell. Bengasi wartet nun auf den zweiten Wiederaufbau. Einst von den Italienern erbaut, wurde es bereits im Zweiten Weltkrieg zerstört und wieder aufgebaut. Die Pläne liegen in Rom bereit.

Vielleicht sollte man in der hiesigen Politik jeweils kurz einen Blick in die weitere Nachbarschaft werfen, bevor man wieder verbissen über jeden Parkplatz streitet, die Fröhlichkeit in Gartenrestaurants wegreguliert oder flexiblere Ladenöffnungszeiten als Sakrileg bekämpft. Es geht angesichts unserer glücklichen Lebensumstände auch offener und entspannter – Dankbarkeit, Aufgeschlossenheit und Kulanz helfen weiter.

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