Persönlich

Jubilare gucken in den Mond

In Reigoldswil schafft der Gemeinderat die schöne Tradition ab, alte Jubilare zu besuchen.

Andreas Hirsbrunner
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Blick über Reigoldswil.

Blick über Reigoldswil.

Hans Mathys

Ich halte mich zwar in vielem für ein typisches Landei, trotzdem gehöre ich unter meinen Mitlandeiern öfters zur Minderheit bei umstrittenen Geschäften. Doch für einmal weiss ich mich bei der Mehrheit, denn das Dorf schüttelt derzeit fast kollektiv den Kopf.

Das Unverständnis gilt der Dorfregierung, die kurz vor Weihnachten im Ortsanzeiger begründungslos kundtat, dass sie künftig die Jubilare mit einem hohen Geburtstag nicht mehr besuchen werde. Auf Nachfrage verriet der Gemeindepräsident der bz letzte Woche den Grund für die alle überraschende Massnahme dann doch noch: Die Zeit für den Besuch der 80-, 85-, 90-, 95- und 100-Jährigen fehle, weil alle aktuellen Ratsmitglieder tagsüber arbeiten würden.

Die Dorfbewohner, oder zumindest alle bz-Leser, staunten erneut: Noch im letzten Juni bewarb sich der Präsident explizit als Rentner um sein hohes Amt und suggerierte damit, Zeit für die Gemeinde zu haben.

Aber vielleicht unterschätzten die Ratsmitglieder, was es heisst, die Arbeit von früher sieben nun zu fünft zu schultern. Denn seit der neuen Legislaturperiode im Juli wirken sie auf eigenen Wunsch im kleineren Kreis. Allerdings liessen sie sich das von der Gemeindeversammlung auch umgehend mit einer Lohnerhöhung abgelten.

Und jetzt also die zweite Lohnerhöhung. Denn weil der Job eines Gemeinderats in unserem Dorf unabhängig vom Aufwand der Amtsinhaber mit Jahrespauschalen entschädigt wird, kommt jede Aufgabe, die sich der Gemeinderat schenkt, einer Lohnerhöhung gleich. Das fördert das Verständnis für die Abschaffung der Jubilarenbesuche auch nicht eben.