Gastkommentar

Echte und falsche Gefühle, Nostalgie und Kitsch

Gastkommentar als eine etwas andere Weihnachtsgeschichte.

Thomas Schweizer*
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«Wecken die kapitalistisch angetörnten Lichterketten an Häusern, in Gärten, über den Strassen und auf Plätzen auch falsche Gefühle?»

«Wecken die kapitalistisch angetörnten Lichterketten an Häusern, in Gärten, über den Strassen und auf Plätzen auch falsche Gefühle?»

Keystone

In der Vorweihnachtszeit haben Gefühle Hochkonjunktur. Es soll echte und falsche geben. Machen wir die Probe aufs Exempel. Ein Tanznachmittag im Dezember für Seniorinnen und Senioren. Mit uns sind auch zwei weitere Ehepaare dabei. Wir sind kein „trio infernal“ mehr, aber als Sextett haben wir es trotzdem immer lustig. Verhaltene Sinnlichkeit, adventliche Freude, schöne Musik mit vertrauten Weisen und alten Schlagern, sehr alten manchmal. Nun hat sich der Philosoph Theodor W. Adorno oft und gern über die Musik geäussert. Lesenswert.

Ich zweifle aber an seiner These, wonach der kapitalistisch fremdbestimmte Mensch die falsche Musik höre und der Schlager nur ein billiger Ersatz für echte Gefühle sei. Bin ich bereits ein Populist, wenn ich Experten frage, ob sie mir den Unterschied zwischen echten und falschen Gefühle erklären könnten? Bis heute habe ich noch keine schlüssige Antwort bekommen. Das bringen auch die selbstgerechten elitären journalistischen Stosstrupps nicht fertig. Selbst auf die Frage, was denn Kitsch sei, bekomme ich nur vage Antworten.

Zurück zum Tanzen! Bei der populären Canzone „Volare“ schmiegen sich meine Frau und ich besonders eng aneinander. Wir wissen um den Zauber Italiens, und – ohne es ständig sagen zu müssen -, dass wir uns auch nach Jahrzehnten noch lieben, „gärn hei“, prosaisch in Baselbieterdütsch. Höre ich Paul Ankas Schnulze „Put your head on my shoulder“ bin ich gleich wieder in der Bar „Au 21“ in Neuenburg.

Nächte von Süsse und Schmerz, von Glück und von Tränen. Eine jeunesse dorée fand sich dort nächtlich ein, junge Frauen und Jüngelchen. Einer von ihnen war ich. Nostalgie als Kitsch und falsche Gefühle? Aber Erinnerungen, auch wenn sie ein trügerisches Antlitz haben, sind mir wichtig. Sie zeigen mir die Irrwege, die ich gegangen bin, aber auch, dass ich im Leben nicht alles falsch gemacht hatte.

Oder wecken die kapitalistisch angetörnten Lichterketten an Häusern, in Gärten, über den Strassen und auf Plätzen auch falsche Gefühle? Freude an leuchtenden Girlanden als Kitsch? Ich bitte Sie, Ihr philosophischen Experten, lassen Sie uns die kindliche (nie kindische!) Freude. Muss ich mich der Gefühle schämen, weil mir der eingängige Song „White Christmas“ gefällt und ich ihn immer wieder gerne höre? Ich glaube, die „altvertrauten“ Weihnachtslieder, die englischen Christmas Carols und die heutigen Popsongs haben ihren Ursprung in den Tiefen der menschlichen Seele. Man sollte diese Gefühlsregungen nicht gering achten.

Wenn wir über das Parkett schweben, habe ich Zeit, um die tanzenden Paare zu beobachten. Jede und jeder hat eine Lebensgeschichte hinter sich, eine, die nur ihm gehört, eine ganz persönliche. Dann staune ich jedes Mal ob der Vielfalt und der Unermesslichkeit der Schöpfung. Selbst mein eigenes Leben mutet mich manchmal kitschig an, war es aber nie.

Bereits hat sich die Dämmerung übers Land gelegt, und wenn wir später in den dunklen Spätnachmittag hinaustreten, begrüsst uns eine festlich geschmückte und glänzende Tanne. Unwillkürlich denke ich an ein kleines poetisches Meisterwerk von Rilke. Ich bin sicher, die meisten der älteren Paare freuen sich auf Weihnachten. Ihre Gefühle sind geprägt von der Sehnsucht nach Friede, Zärtlichkeit, Freude und Lebenslust. Echte oder falsche Gefühle, Kitsch oder Sehnen nach dem Damals? Ach was! Überlassen wir diese Fragen den Philosophen. Freuen wir uns einfach „des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht“.

*Thomas Schweizer ist ein schriftstellerisch tätiger Baselbieter Kulturschaffender. Er wohnt in Füllinsdorf und ist EVP-Landratskandidat im Wahlkreis Pratteln.