Analyse

Wirbel um CVP-Regierungsrat und seine uneheliche Tochter: Fremdgehen schadet... nicht

«Die Gesellschaft ist freizügiger und zugleich moralischer geworden. Das ist nur vordergründig ein Paradox», schreibt unser Autor Christoph Bopp in seiner Analyse.

christoph bopp
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Der Zuger CVP-Regierungsrat Beat Villiger gerät kurz vor den anstehenden Wahlen in die Bredouille.

Der Zuger CVP-Regierungsrat Beat Villiger gerät kurz vor den anstehenden Wahlen in die Bredouille.

KEYSTONE

Was ist schlimmer: Dass die Justiz gegen den Zuger CVP-Regierungsrat Beat Villiger eine Strafuntersuchung wegen Verkehrsdelikten und Urkundenfälschung geführt hat? Oder aber: Dass Beat Villiger eine aussereheliche Tochter hat? Am Sonntag wurde der 61-Jährige vom Stimmvolk wiedergewählt. Die Strafuntersuchung war wenige Tage davor bekanntgeworden; die uneheliche Tochter erst am Wahltag selbst. Viele sagen jetzt: Hätten die Leute früher vom Fremdgehen des CVPlers gewusst, wäre er nicht wiedergewählt worden.

Leider können wir das nicht mit Sicherheit wissen. Eine experimentelle Überprüfung ist nicht möglich. Was wir aber wissen, ist, dass man Politikern, was aussereheliche Affären angeht, auch schon mehr Milde entgegengebracht hat. Familien- und Sexleben sei Privatsache, war der Tenor. Und das Private, das ist die Generalprämisse, hat mit den Leistungen als Politiker nichts zu tun. Der Lebenswandel mag ein Abbild des Charakters sein. Aber den Job in der Politik kann man offenbar auch ohne erledigen. Das sagte man zwar nicht so, wäre aber die korrekte Folgerung gewesen.

Die Sache mit der ehelichen Treue ist mehr als eine moralische Forderung. Das Verhältnis zwischen dem politischen Gewicht einer Ehe und wie sie wirklich war, ist reziprok. Je privater, desto treuer. Vor dem Traualtar wurden Reiche zusammengeschlossen, was die Ehegatten sonst trieben, war weniger von Belang. Wer kennt nicht den Spruch: Andere mögen Kriege führen, du, glückliches Österreich, heirate! Unter diesen Bedingungen wurde von den Mächtigen nicht unbedingt eheliche Treue erwartet.

Caesar durfte alles

Was nicht heisst, dass sie nicht politisch hätte instrumentalisiert werden können. Auch das Alte Rom heiratete, aber in der regierenden Oberschicht eher interessenorientiert. Caesar hatte was mit Kleopatra, die ganze Stadt wusste es, auch seine junge Frau Calpurnia (das ist die, die ihn an den Iden des März 44 v. Chr. davor warnte, in den Senat zu gehen, weil sie schlecht geträumt hatte. Caesar hätte besser auf sie gehört). Kein Thema. Anders lagen die Dinge im Jahr 62 v. Chr. Caesar war Pontifex Maximus und zuständig für die religiösen Riten. Seine zweite Frau Pompeia führte in seinem Haus die Bona-Dea-Mysterien durch, wo Männer nicht zugelassen waren. Als man den Publius Clodius Pulcher in Frauenkleidern dort entdeckte, war der Skandal perfekt. Clodius wurde zwar nicht verurteilt. Aber Caesar nutzte die Gelegenheit, um sich von seiner Frau zu scheiden, der man ein Verhältnis mit Clodius nachsagte.

Wann ist Ehe-Bruch eine Story?

Religion matters, unbestritten. Ob das «C» im Parteinamen Ursache für die vielen Skandale dieser Partei ist, mögen andere beurteilen. Es verhindert die Skandale auf jeden Fall nicht sehr wirkungsvoll. Es hängt aber auch mit anderen Dingen zusammen. Der politische Skandal ist ein komplexes Phänomen. Es braucht dazu mehr als nur einen Normenverstoss. Es braucht auch einen entsprechenden Resonanzraum im Publikum. Es ist auch mehr als eine Sprachregelung. Für die Medien sind Ehe-Skandale so lange «keine Story», wie die Öffentlichkeit der Meinung ist, dass das Eheleben der Politiker ins Privatleben gehöre. Das war lange der Fall. John F. Kennedy, der Katholik, nahm es nicht so genau mit der ehelichen Treue, François Mitterrand hatte eine uneheliche Tochter, Horst Seehofer auch, von Christophe Darbellay war unausgesprochen schon die Rede.

Die Gesellschaft wurde freizügiger und zugleich moralischer. Das ist nur vordergründig ein Paradox. Wer den Leuten erklärt, dass sie via Reputation auf Firmen einwirken könnten, um die Welt zu verbessern, wird moralische Standards anders beurteilen als nur die Stimme des eigenen Gewissens. Deshalb achten Politiker christlicher Herkunft auch stärker auf die Reputation – und lügen desto dreister, solange es geht. Ernster meinen sie es deswegen nicht unbedingt. Die Liste der Sektenprediger in den USA, welche unter Tränen Gott um Vergebung für sexuelle und andere Sünden anflehen, ist auch lang. Die Resonanz, welche in der Öffentlichkeit für Moral entstanden ist, mit dem wachsenden Bewusstsein der Leute für Unrecht auf der Welt zu erklären – ist es eher Eingeständnis tatsächlicher Ohnmacht oder wirklich das Gewahrnehmen, dass man tatsächlich etwas bewegen kann?