Kolumne

Sind wir Jammerlappen?

Hans Fahrländer arbeitete von 1979 bis 2015 in verschiedenen Funktionen für diese Zeitung, unter anderem als Chefredaktor. Heute kommentiert er das nationale und regionale Geschehen. In seiner aktuellen Kolumne schreibt er über subjektive Befindlichkeiten und objektive Entwicklungen.

Hans Fahrländer
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Worüber sich die Menschheit sorgt: zum Beispiel Klimawandel. (Symbolbild)

Worüber sich die Menschheit sorgt: zum Beispiel Klimawandel. (Symbolbild)

KEYSTONE/AP/PETROS KARADJIAS

Gleich mehrmals im auslaufenden Jahr habe ich Beiträge gehört, gesehen und gelesen, die mir gesagt haben: Was ist das für ein jämmerlicher Pessimismus, der die weltweite Debatte bestimmt! Schaut euch doch um, wie es um die Welt wirklich steht: Die Lebenserwartung steigt, die Kindersterblichkeit sinkt. Das Bildungsniveau wächst, die Gesundheit wird besser, der medizinische Fortschritt ist riesig.

Die Zahl der Menschen mit Zugang zu sauberem Wasser und zu Toiletten steigt. Der Wohlstand wächst, die extreme Armut sinkt. Die Zwangsarbeit geht zurück, ebenso die Zahl der Unterernährten. Die Zahl der Kriege nimmt ab, ebenso die Zahl der Gewaltdelikte und der Katastrophentoten. Das alles lässt sich mit objektiven Zahlen belegen. Aber wir kennen ja die Jammeriade: Je besser es uns geht, desto unzufriedener werden wir. Und gejammert, es werde immer schlimmer auf der Welt, das haben ja schon die alten Griechen.

Die Medien sind schuld – natürlich!

Und wer, bitte schön, ist schuld an dieser verzerrten Wahrnehmung des «immer schlimmer»? Wir, die Medien! Wir überhöhen das Negative und verdrängen das Positive. Denn mit negativen Schlagzeilen lassen sich höhere Einschaltquoten erzielen. Und wir recherchieren im hintersten Winkel der Welt, was früher nicht möglich war. Ich senke erst mal schuldbewusst das Haupt und sage gar nichts mehr. Doch dann schalte ich den Denkapparat wieder ein. Gibt es nicht auch die andere Wahrheit, die keineswegs aus «fake news» besteht?

Der Klimawandel hat mit voller Wucht eingesetzt und beschert allen Weltgegenden gravierende Probleme. Die Globalisierung führt zu einer Entwurzelung vieler Menschen, denn «die Welt» kann nicht Heimat sein. Die Verbreitung der Demokratie als menschengerechteste Staatsform stockt, es gibt Rückschläge, sogar mitten in Europa. Rassismus und Nationalismus nehmen wieder zu. Übertriebene Selbstbezogenheit vieler Menschen bedroht das Gemeinschaftsgefühl, die gemeinschaftliche Verantwortung für die Welt. Und schaut euch die Weltmachtführer an: In Amerika regiert ein skrupelloser Solipsist (Solipsismus = Selbstsucht), in Russland ein illiberaler, machtbesessener Autokrat. Und China baut seine wirtschaftlichen Erfolge auf dem Buckel von Menschenmassen ohne Menschenrechte auf.

Also was jetzt? Sind wir mit unseren Sorgen einfach Jammerlappen? Wer löst den Widerspruch zwischen «immer besser» und «immer schlimmer» auf? Vielleicht muss man ihn gar nicht auflösen. Vielleicht muss man die verschiedenen Wahrheiten nebeneinanderstehen lassen.

Zunächst müssen wir differenzieren. Trotz eifrigem Bemühen um mehr Chancengleichheit – die Lebensaussichten in den verschiedenen Weltgegenden liegen noch meilenweit auseinander. In der «zivilisierten» Welt (warum sind mir nur diese Anführungszeichen in den Text gerutscht?) sind sie ungleich besser als in Zentralafrika, das gerade wieder von einer Hungersnot bedroht wird. Es stimmt uns hier nicht euphorisch, wenn auf anderen Kontinenten die Armut auf hohem Niveau sinkt und die Zahl der Toiletten steigt. Sodann müssen wir verschiedene Ebenen unterscheiden. Ja, die Zahl der Menschen, deren existenzielle Grundbedürfnisse gestillt werden, ist gestiegen. Aber seit Abraham Maslow (1908–1970) wissen wir, dass sich über der Ebene der Grundbedürfnisse eine ganze Pyramide weiterer Bedürfnisse erhebt. Da geht es dann mehr um Sicherheit, um soziale Anerkennung, um Selbstverwirklichung und so fort.

Es ist wieder schlimmer geworden

Ich bleibe am Jahresende 2018 dabei: Nicht nur subjektive Befindlichkeiten (Jammerlappen) treiben uns Sorgenfalten ins Gesicht, sondern auch objektive Entwicklungen. Über die Digitalisierung haben wir noch gar nicht geredet. Sie kann Chance sein und Probleme lösen. Doch wenn wir sie unkontrolliert wuchern lassen, wird es uns gehen wie Goethes Zauberlehrling. Nur dass wir dann vergeblich auf einen Meister warten, der uns aus der Not befreit. Es wird uns gerade bewiesen, dass die Geschichte nicht automatisch ein Lernprozess ist, sondern dass sich alte Muster immer wieder Bahn brechen.

Neben neue Geister (Klimawandel) treten altbekannte (links- und vor allem rechtsnationale Ideologien). Werte wie Freiheit und Menschenrechte werden nicht nur von grölenden Proleten, sondern auch von Weltmachtführern relativiert. Es braucht ja nicht unbedingt ein neuer Hitler oder Stalin heranzuwachsen. Es genügt, wenn eine durch Fake News irritierte Menschheit nicht mehr unterscheiden kann zwischen guten und unheilvollen Werten und Entwicklungen.