Prävention oder Provokation
Sex-Verbot in der Werbung – So aussichtslos wie eine Orgie

Der deutsche Justizminister Heiko Maas will Werbung mit sexuellen Anspielungen verbieten und damit sexuellen Übergriffen vorbeugen.

Max Dohner
Max Dohner
Drucken
Leichtbekleidete Dame auf einem Werbeplakat.

Leichtbekleidete Dame auf einem Werbeplakat.

Aargauer Zeitung

Sag mir, wer dich beschützen will, und ich sage dir, ob sein Schutz auch etwas taugt. So kann man ein altgriechisches Sprichwort abwandeln. Das Wort handelt von einem Menschen, dessen Freunde sein Wesen offenbaren. Sein gespaltenes Wesen – die Krux so mancher Massnahme zu unserem Schutz.

Als jüngster Freund und Beschützer tritt der deutsche Justizminister Heiko Maas (SPD) auf den Plan. Nur Tage, nachdem ein Sultan geschützt werden wollte vor deutscher Satire. Da sogleich die Gunst des Beschützens zu nützen, schwebte vielleicht dem Justizminister vor. Gemäss deutschen Medien bereitet er ein Gesetz vor, das «diskriminierende» Werbung verbietet: Plakate mit nackter Haut, sexistische Werbung. Das Verbot soll helfen gegen sexuelle Übergriffe durch Zuzüger aus dem Maghreb und Orient, wie sie zu Hunderten etwa in Köln stattfanden.

Ach, Sie gähnen? Zugegeben: Sündige Motive zu verbieten, ist älter noch, als die Sünde je war. Seit der erste Schmutzfink vor 30’000 Jahren eine Kreide in die Klaue nahm und die Höhle dekorierte mit Ovalen und vertikalem Strich (weibliche Genitalien finden sich da schon weit häufiger als männliche). Weckt im Menschen nicht das Tier mit Reizen! Das predigten dann vorab Moralapostel im Namen Christi. Mit dem Erfolg, dass Jünglinge bereits «verschmachteten», wenn der Fuss einer Jungfer aufblitzte unter den Volants. Jetzt nimmt man die Muslimbrüder in den Schwitzkasten. Die letzten Dampfkessel, die das zivilisierte Dimmen der Sinne noch immer nicht beherrschen und weiter durchdrehen beim Anblick eines weiblichen Nacken oder Knies.

Das scheint ein bisschen ... nicht verrucht, keineswegs. Aber verhext? Der Herr Minister will etwas tun gegen den – sexistischen – Dreck. Und erklärt das – latent rassistisch – so, als ob unsere kulturfernen Migranten von Natur aus nicht umgehen können mit der Freizügigkeit hier. Alles triebgesteuerte Horden. Nicht wirklich Herr ihrer selbst. Für Feministinnen steht das längst fest und gilt generell für Männer. Darum erhält der Minister von ihrer Seite prompt Sukkurs.

Bleiben wir unter uns, prüfen wir wieder mal das eigene Gewissen: Wie viele Nacktbilder bekommen wir mittlerweile während eines Lebens zu sehen? Genauso kann man in der Wüste den Sand zählen. Sicher tausendmal mehr als unsere Grossväter, tausendmal weniger als unsere Enkel. Dämmen da zwei drei geschwärzte Plakate wirklich eine Flut, die aus allen Poren quillt? Der Damm brach vor fünfzig Jahren. Mit der Pille, im Abstreifen erstickender Gebote, im entfesselten Fesselsex. Eine Reihe Fenster wurden aufgestossen. Der Durchzug blies den Staub aus Nierentisch-Stuben, Amtskellern, Hörsälen und Klassenkerkern. Leben wurde (Schein)Gegenwart.

Aber parallel entwickelten und verfeinerten sich, wie sich zeigte, die Sinne nicht unbedingt. Partyspass rund um den Sex ist selten sinnlich, geschweige denn erotisch. Am Anfang war das nur ein Missverständnis – stumpf blieben jene, die das auch nach tausend Orgien nicht kapierten. Indessen wuchs es aus zum Missverhältnis. Zum Hohlraum, worauf die Gesellschaft tanzte. Verleitete viele, liess viele verkommen, machte sie halb verrückt, seelenarm und verzweifelt.

Den Weg aber zurückzugehen, in der Hoffnung, dann füge sich wieder, was irgendwo zu Bruch gegangen war beim Aufstossen heller Fenster, wäre erst recht illusorisch. Weil es zur Wirkung die falsche Ursache stellt. Nicht Freizügigkeit, schon gar nicht sexuelle Freiheit stürzten die Leute in die Krise. Die ist allein der Schwierigkeit geschuldet, Sinn und Sinne harmonisch zu vereinen. Auch in Freiheit gelang dieses Kunststück nicht von allein. Geist und Fleisch werden durch Umsicht und Wunder ein Ganzes, wo das eine das andere beatmet. Gewöhnlich ist die liebe Not: der Bammel, sich als irgendwo göttlich oder astral empfindendes Wesen – gerade darum – ab und an in Körpersäften zu suhlen.

Weil Spass in den letzten dreissig Jahren nicht linear zur Freude führte, muss man heute nicht gleich wieder abwürgen, was Freude wäre. Man kann alle Schmutzplakate abhängen – und wird die Welt um keinen Grad «sauberer» machen. Was gaukelt denn Werbung vor? Nicht Freiheit, indem sich der Mensch seiner Lumpen entledigt. Sondern Unschuld, trotz «Erbsünde». Den Traum seit dem Garten Eden. Davon sind wir gleich weit entfernt wie die Horde in der Höhle. Bedenken wir es richtig, gar noch ferner.

Aktuelle Nachrichten