Kolumne
Politzirkus pur

Susanne Wille war im Vorfeld der französischen Präsidentschaftswahlen vor Ort und analysiert in ihrer Kolumne die Ereignisse vor Ort.

Susanne Wille
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Wahlen Frankreich 2017
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Der europafreundliche Ex-Wirtschaftsminister Emmanuel Macron hat im ersten Wahlgang ums Präsidentenamt in Frankreich am Sonntag am meisten Stimmen geholt. Er lag mit 23,75 Prozent vor der Chefin des Front National, Marine Le Pen, die 21,53 Prozent holte.
Macron-Anhänger
Emmanuel Macron wird am 7.Mai um die Präsidentschaft kämpfen.
Anhänger von Macron jubeln.
Marine Le Pen
Eine Melenchon-Anhängerin bangt.
Anhängerin von Le Pen.
Macron beendet den ersten Durchgang auf Platz eins.
Wahljubel in Frankreich.
Macron-Anhänger
Anhänger des Front National
François Hollande geht wählen
Frankreich wählt
Der Konservative François Fillon.
Brigitte Trogneux und ihr Ehemann Emmanuel Macron.
Philippe Cotrel
Brigitte Trogneux und ihr Ehemann Emmanuel Macron.
Benoit Hamon
Wählerin in Paris
Emmanuel Macron
Frankreich wählt den Präsidenten.
Am Sonntag um 8 Uhr öffneten die Wahllokale.
50'000 Polizisten und Soldaten sichern die Wahlen in Frankreich ab.
47 Millionen Stimmberechtigte können den neuen Präsidenten wählen - Benoit Hamon wird die Stimme wohl sich selbst gegeben haben.
47 Millionen Stimmberechtigte können den neuen Präsidenten wählen.
47 Millionen Stimmberechtigte können den neuen Präsidenten wählen.
50'000 Polizisten und Soldaten sichern die Wahlen in Frankreich ab.
Der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron lässt sich von seinen Anhängern in Paris feiern. Macron hat zur Zeit die besten Chancen Präsident zu werden, aber das Rennen ist noch offen.
Am Sonntag um 8 Uhr öffneten die Wahllokale.
Frankreich bestimmt am heutigen Sonntag über die Nachfolge von Präsident François Hollande. (Archivbild)
Am Sonntag um 8 Uhr öffneten die Wahllokale.
Am Sonntag um 8 Uhr öffneten die Wahllokale.
Am Sonntag um 8 Uhr öffneten die Wahllokale.

Wahlen Frankreich 2017

AP/EPA/publicdomainpictures.net/Montage_luk

Rien ne va plus? Stimmt nicht. Wahrscheinlich geht noch einiges im französischen Präsidentschaftswahlkampf. Wobei ich zugeben muss, dass dieser Text ein gewisses Risiko beinhaltet, muss ich ihn doch abliefern, bevor der erste Wahlgang überhaupt begonnen hat. Aber dass es jemand aus der Kandidatenliste schon im ersten Anlauf schaffen könnte, ist unwahrscheinlich. (Sollte ich mich täuschen, tu ich Busse und bringe der Zeitungsredaktion eine Runde Croissants au beurre vorbei.)

Item: Was wir in Frankreich dieser Tage erleben, ist wohl das spannendste Rennen um den Élysée-Palast überhaupt. Und einmal mehr sage ich, die Politik schreibt die besten Drehbücher. Zum ersten Mal verzichtet ein Präsident auf eine zweite Amtszeit. Da ist Fillon, der wegen einer Scheinbeschäftigungsaffäre heftig unter Druck geriet. Mit Macron würde zum ersten Mal ein Kandidat ohne Parteibuch gewählt, mit Le Pen zum ersten Mal eine Frau. Und da ist noch Aussenseiter Mélenchon, der überraschend aufholte. Das Tragische hinter dem Politthriller: Frankreich will und kann nicht bleiben, wie es ist. Braucht Jobs, wirtschaftliche Reformen und kämpft gegen den Terror. Das Befremdende hinter dem Politthriller: Weil das Rennen noch nie so eng war, die Parteilandschaft noch sie so zersplittert, waren sich die Kandidaten im Wahlkampf für nichts zu schade.

Vielleicht sind die Kandidaten ja gut beraten und der Plan geht auf

Marine Le Pen schaltete sich live ihren jungen Wählern zu und liess sich Aufgaben geben. Können Sie ein Lied der Sängerin Dalida singen? Und Le Pen trällerte fröhlich live in den Bildschirm hinein. Die Chefin des Front National setzte aber auch auf «Augmented Reality». Man hält das Smartphone ans Wahlkampfplakat, und mithilfe der entsprechenden App wird Marine lebendig und erzählt, warum man sie wählen soll. Snapchat stand ebenfalls hoch im Kurs. Benoît Hamon liess sich mit einem Filter auf Social Media einen Blumenkranz aufs Haupt zaubern und murmelte zwischen Seerosen und Margeriten irgendwas von Flower Power. Am weitesten ging aber Jean-Luc Mélenchon.

Mit grossem Aufwand liess er sich als Hologramm zu seinen versammelten Fans «beamen», damit er gleichzeitig von Paris über Grenoble bis Montpellier an sechs verschiedenen Orten um Stimmen buhlen konnte. Innovativ zwar, aber eben doch Politzirkus pur. Nun, vielleicht sind die Kandidaten ja gut beraten und der Plan geht auf. Sie sammeln Sympathiepunkte bei den Jungen, sind Politiker, die Humor zeigen (oder es zumindest versuchen), sie sind Präsidentschaftsanwärter zum Anfassen.

Vielleicht müssen moderne Kampagnen heute einfach so daherkommen. Vielleicht müsste ich hier offener sein. Aber ist es glaubwürdig, wenn sogar der Konservative Fillon auf Social Media «Verchleiderlis» spielt und sich eine blaue John-Lennon-Brille aufsetzt, die dann lustigerweise noch die Farbe wechselt? Politik wird zur Maskerade. Es schreit zu laut nach: Ich-will-mich-jetzt-ganz-cool-und- hipp-zeigen-damit-die-Jungen-mich-mögen-undmir-hoffentlich-auch-ihre-Stimme-geben.

Alles übernehmen müssen
wir ja nicht

So viel Halli Galli und Spektakel kennen wir in der Schweizer Politlandschaft (noch) nicht. Zwar tauchten bei den letzten National- und Ständeratswahlen ebenfalls lustige Wahlkampf-Videos und «junge Kampagnen» auf. Aber kein Vergleich. Nicht auszudenken, was wäre, wenn. Da wir ja keinen Präsidenten haben und der Bundesrat nicht vom Volk gewählt wird, würden sich die nächsten Erneuerungswahlen zum Social-Media- und Hightech-Gaudi entwickeln. Man stelle sich vor, Albert Rösti schickt Maskottchen-Hund Willy per Hologramm über den Röschtigraben, um in der Westschweiz zuzulegen.

Petra Gössi setzte auf Roboter, die an den Strassenständen Würste und Flyer verteilen, um sich als Wirtschaftspartei zu präsentieren. Man stelle sich vor, Gerhard Pfister, Regula Rytz oder Christian Levrat müssten Bligg, Bastian Baker oder Béatrice Egli live ins Handy singen, um bei den Jungen zu punkten. Und Ständeratskandidaten zeigen sich ausgelassen mit Bärenöhrchen und Hasenkostümen dem Snapchat-Publikum.

Die Schweiz hat sich oft von Frankreich inspirieren lassen. Unsere Länder sind historisch und kulturell eng verbunden. Napoleon hat hier seine Spuren hinterlassen, zum Beispiel in der Entwicklung zum modernen Rechtsstaat. Doch alles übernehmen müssen wir ja nicht. Wie sagte doch der französische Philosoph René Descartes: Zweifel ist der Weisheit Anfang.

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