Diplomat

Medikamente ohne Packungsbeilage

Sabine Altorfer
Drucken
Teilen
Auch Fehler bei der Anwendung von Medikamenten können zu Vergiftungen führen. (Symbolbild)

Auch Fehler bei der Anwendung von Medikamenten können zu Vergiftungen führen. (Symbolbild)

KEYSTONE/APA/BARBARA GINDL

Grippe ahoi! Und nun? Medis schlucken, Tee trinken – und lesen. In einer Umfrage gab fast ein Fünftel der Deutschen an, Bücher lesen sei ihr Wundermittel. Das lässt mich als Kulturredaktorin jubeln, Ihnen gute Besserung und heilvolle Lektüre wünschen. Ob die Kranken lieber Kurzgeschichten inhalieren oder sich in einen dicken Roman wie in einen wohltuenden Dauerwickel verkriechen, ist egal.

Historische Familiengeschichten oder Psychodramen mögen so verzwickt sein wie Packungsbeilagen, gesünder sind sie allemal. Wer einem Happy End entgegenfiebert oder in einem Abenteuerroman aus der Arktis friert, vergisst seine eigenen Schübe.

Doch Gesundheit ist bekanntlich nicht nur Privatsache, sondern eine hochpolitische
Finanz-Angelegenheit. Angesichts der Umfrage, fragt man sich, ob man Literaturförderung nicht aus dem riesigen Topf des Bundesamtes für Gesundheit statt der Kultur finanzieren müsste?

Soll Lesestoff gar als Medikament gelten und von Krankenkassenbezahlt werden? Sie könnten zumindest 10 Prozent der Bibliotheksgebühr übernehmen, analog zum Fitnesszentrum-Abo? Doch Bibliotheken sind zu billig. 10 Prozent von 40 Franken Jahresgebühr macht gerade mal vier Franken. Da kostet die Abrechnerei mehr! Mehr Geld und Zeit, die man lieber lesend verbringt.