Familie

Kinderlos und glücklich

Peter V. Kunz über die wohl am meisten überschätzte Gruppe der Gesellschaft – die Eltern.

Peter V. Kunz
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Glückliche Familie mit Kindern. (Symbolbild)

Glückliche Familie mit Kindern. (Symbolbild)

Keystone

Ich bin mir bewusst, mit dieser Kolumne ein gesellschaftliches (sowie politisches) Tabu zu brechen, wodurch ich sicherlich keine neuen Freunde finden werde. Frage: Wer ist die überschätzteste menschliche Spezies? Antwort: Eltern! Kinder zu zeugen und Eltern zu werden, ist wahrlich nicht schwer: Wer kann, der kann. Im Übrigen wären diverse Elterngegebenheiten wünschbar, etwa ausreichend Zeit, eine gewisse Charakterstärke, gesunde Moral, minimaler Intellekt oder finanzielle Sicherheiten – doch notwendig ist dies nicht.

Diese Zeilen sind, ganz offensichtlich, von einem Kinderlosen geschrieben, der sich deswegen weder grämt noch verteidigt oder entschuldigt – es ist, wie es ist. Kinder stellen keine Auszeichnung und keinen Leistungsausweis dar, Eltern sind nicht besser als Nicht-Eltern. Der Akt der Fortpflanzung ist einfach zu verstehen. Wer Kinder will, braucht keine Bewilligung, und beaufsichtigt werden Familien (mit Kindern) einzig in Extremsituationen. Gelegentlich muss indes bedauert werden, dass es keine Ausbildung zu «guten Eltern» gibt.

Das Kinderkriegen stellt einen privaten Akt dar. Nichtsdestotrotz mischen sich der Staat und die Politik («Familienpartei») in unterschiedlichster Hinsicht ein, meist unterstützend. Dies ist nachvollziehbar, handelt es sich doch um Themen, die unsere Gesellschaft intensiv beschäftigen. Das gesellschaftliche Urteil ist ausserdem eindeutig: Eltern und Kinder sind a priori gut, ohne Wenn und Aber, und zwar nicht allein in der Schweiz; in den USA beispielsweise werden unter der Flagge «family values» («Familienwerte») Wahlen gewonnen.

Die Menschen in unserem Land scheinen momentan wieder fortpflanzungsfreudig zu sein. Kürzlich war in der Berner Zeitung «Der Bund» zu lesen: «In Bern wächst die Lust aufs Kinderkriegen». Die Geburtenzahlen nahmen im letzten Jahrzehnt zu. Im Jahr 2015 gab es 10 072 bernische Neumütter. Dies wird auf die sozialen Medien zurückgeführt; der Kinderwunsch entstehe nicht selten, so lese ich, durch herzige Baby-Fotos auf Facebook...

Frauen mögen von der «Venus» und Männer vom «Mars» stammen. Doch Kinderlose sowie Eltern, zumindest mit Kleinkindern, leben sogar in unterschiedlichen Galaxien. Die teils monomane Kinderfokussierung von Jungeltern mag verständlich (und sympathisch) erscheinen, dies macht es für kinderlose Gastgeber oder Gäste kaum erträglicher – kein Problem, wir können uns in zwanzig Jahren wieder treffen, wenn die «Jungen ausgeflogen» sind.

Müssen sich Kinderlose als Aussenseiter fühlen, ja gar schämen? Als Direktbetroffener muss ich feststellen, dass wir Kinderlosen durch die Politik systematisch benachteiligt, wenn nicht sogar diskriminiert werden, ohne dass dies angeprangert würde. Unsere Gesellschaft zeigt sich unerbittlich gegenüber unserer kleinen Minderheit: Wer keine Kinder haben kann, ist zu bedauern – und (noch unverzeihlicher): Wer dies schlicht nicht will, ist ein unverbesserlicher Egoist. Die impliziten, teils sogar expliziten Vorwürfe an uns Kinderlose sind unüberhörbar. Während wir Männer jeweils «Berufsambitionen» etc. vorschieben können, wird eine solche Verteidigungslinie bei Frauen gesellschaftlich ignoriert oder schlicht nicht akzeptiert.

An sich sollten die Kinderlosen gelobt werden, leisten sie immerhin einen nicht unwesentlichen Beitrag an ein Privatvergnügen von Dritten. Nicht nur verursachen sie geringere Kosten, sie tragen ausserdem Lasten mit, die ihnen nicht unmittelbar von Nutzen sind; zu denken ist etwa an Gemeindesteuern, die zu einem Grossteil in die Volksschulausbildung investiert wird. Trotzdem gibt es keine politische Lobby für Kinderlose, im Gegenteil. Doch wir Kinder-losen müssen uns nicht entschuldigen, sondern unser Schicksal tapfer und geduldig ertragen:

Die Freiheiten ohne Kinder – ob freiwillig oder unfreiwillig – haben einige Vorzüge. Kinderlose und kinderlose Familien verfügen in aller Regel über mehr finanzielle Möglichkeiten als Kinderfamilien. Es ist einfacher, sich beruflich oder privat zu entwickeln. Bei einem Jobwechsel muss nicht an einen Schulwechsel der Kinder gedacht werden, und bei der Hobbyauswahl gibt es weniger Grenzen; als Beispiele können erwähnt werden Reisen und Ferien – notabene ausserhalb der Schulferien. Vor diesem Hintergrund muss ich mir am Schluss die Frage stellen: Hat die «Diskriminierung» der Kinderlosen allenfalls etwas mit Neid zu tun?

Der Autor, Prof. Dr. iur., Rechtsanwalt, LL.M., ist seit 2005 Ordinarius für Wirtschaftsrecht und Rechtsvergleichung der Universität Bern; seit 2015 ist er Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. Vor seiner akademischen Karriere war er unter anderem als Journalist tätig und als FDP-Mitglied Gemeinderat in Dulliken und Kantonsrat des Kantons Solothurn. Inzwischen ist er aus der FDP ausgetreten.