MAIL AUS AMERIKA (14)
Hillary ist da!

«Nordwestschweiz»- und «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktor Patrik Müller hält sich zurzeit für eine Weiterbildung in Boston auf. In seinem Mail aus Amerika schreibt er heute über den Besuch von Hillary Clinton an der Harvard-Universität.

Patrik Müller
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am Freitagmorgen die Diese Woche hat Hillary Clinton die Harvard-Universität besucht, wo sie mit einer Ehren-Medaille ausgezeichnet wurde.

am Freitagmorgen die Diese Woche hat Hillary Clinton die Harvard-Universität besucht, wo sie mit einer Ehren-Medaille ausgezeichnet wurde.

AP

Für einen Moment schien es, als komme die Präsidentin der Vereinigten Staaten. Schwarze Karossen, Sicherheitskräfte, blitzende Smartphones und Trompeten-Fanfaren: Hillary Clinton hat am Freitagmorgen die Harvard-Universität besucht, wo sie mit einer Ehren-Medaille ausgezeichnet wurde. Es war ein Heimspiel für sie. 94 Prozent haben in der Uni-Gemeinde Cambridge 2016 für Clinton gestimmt, und am Freitag applaudierten ihr 100 Prozent der 2000 Gäste.

Während der Republikaner Donald Trump mehrmals pro Monat in vollen Stadien zu «Arbeitern» und «gewöhnlichen Amerikanern» spricht, wie er seine Fans nennt, zieht die Demokratin Hillary Clinton Auftritte vor erlesenem Publikum vor. Und zementiert damit ihr Bild der abgehobenen Establishment-Vertreterin.

Ebenfalls diese Woche sprach sie in Yale, einer anderen Elite- Universität. Sie räumte ein, dass sie noch nicht über ihre Niederlage 2016 hinweg sei. Der Trump-nahe TV-Sender Fox News sendete diese Aussage darauf praktisch in der Endlos-Schlaufe, um sie als larmoyante Verliererin der Lächerlichkeit preiszugeben.

Die Republikaner sehnen sich nach Reden von Clinton und schlachten jeden Auftritt aus. Denn niemand eint die Partei so sehr wie «Crooked Hillary» («Crook» bedeutet Gauner). Auch eineinhalb Jahre nach den Präsidentschaftswahlen. Trump finden längst nicht alle gut, aber Hillary? Das Letzte! Die «New York Times» bezeichnete die 70-Jährige bei den Republikanern als «radioaktiv».

Dass sie nach längerem Abtauchen nun wieder auftritt, macht viele Demokraten nervös. Die Meinung ist weitverbreitet, dass Trump letztlich wegen Clinton gewählt wurde. Im November stehen Zwischenwahlen an, und die Demokraten wollen die Mehrheit im Parlament zurückerobern.

Hillary hat vielen Kandidaten ihre Unterstützung im Wahlkampf angeboten, aber einige wollen sich lieber nicht mit ihr zeigen. Ein Kandidat bezeichnete sie als «Hypothek», eine demokratische Senatorin aus dem ländlichen North Dakota riet ihr, «in den Sonnenuntergang zu reiten», also zu verschwinden.

An der urbanen Ostküste hält man Clinton noch immer für eine Heldin. Allerdings wurde sie gestern in Harvard mit einer Überschwänglichkeit gepriesen («eine Inspiration für Menschen auf der ganzen Welt»), dass man es auch so verstehen konnte: «Du bist eine historische Figur. Du kannst jetzt gehen.»

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