Dritte Säule
Gespart wird viel zu spät

Markus Gisler
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Zur umfassenden Altersvorsorge gehört folglich das eigene Sparen.

Zur umfassenden Altersvorsorge gehört folglich das eigene Sparen.

KEYSTONE

Therese, 60, ist geschieden: Buchhalterin mit 80 Prozent Anstellung in einer renommierten Firma, die Kinder ausgeflogen. Das Geschäft der Firma läuft harzig. Nächstes Jahr soll eine effizientere Buchhaltungs-Software eingeführt werden. Therese macht sich Sorgen, hat plötzlich Angst, sie könnte den Job verlieren. Und Therese beginnt zu rechnen: Der ausbezahlte Lohn von 4600 Franken erlaubt keine grossen Sprünge. Die Wohnung kostet 1600 Franken. Für Steuern, Versicherungen und Krankenkasse gehen monatlich nochmals fast tausend Franken weg. Bleiben rund 2000 Franken für alles andere. Gespartes hat die Frau wenig, 47 000 Franken sind seit der Scheidung auf dem Konto. Früher, als sie noch verheiratet war, hatte man sich einiges geleistet: schöne Ferien, ein stattliches Auto, eine grosse Wohnung, immer mal wieder etwas Hübsches zum Anziehen, feine Restaurants.

Mit den Finanzen nach der Pensionierung hat sich Therese nie ernsthaft befasst, das war Sache des Mannes gewesen. Mit der Angst vor dem möglichen Jobverlust im Nacken, fragt sie nun um Rat. Therese wird vorgerechnet, dass im Regelfall nach der Pensionierung etwa 60 Prozent des letzten Lohns in Form von AHV und beruflicher Vorsorge ausbezahlt werden. Natürlich unter der Voraussetzung, dass sie bis 64 arbeitet. Konsterniert nimmt sie zur Kenntnis: Das sind etwa 3500 Franken, was bei weitem nicht reichen wird.

All das müsste nicht sein, wenn man gezielter gespart hätte

Um den bescheidenen Lebensstandard halten zu können, müsste Therese jeden Monat tausend Franken vom Ersparten abheben. Die Rechnung ist schnell gemacht: Vier Jahre nach der Pensionierung wäre der letzte Franken des Ersparten aufgebraucht. Jetzt dämmert ihr, was das heisst: Aus der geliebten Wohnung in eine kleinere umziehen, aufs Auto verzichten, den Gürtel noch enger schnallen. Und sollte sie den Job verlieren, droht der Gang zum Sozialamt.

All das müsste nicht sein, wenn die Frau beziehungsweise damals das Paar viel gezielter gespart hätte, und wenn sie sich schon viel früher mit den Finanzen nach der Pensionierung befasst hätten. Wenn den beiden schon nach der Lehre klar gewesen wäre, dass man sich mit der Altersfinanzierung befassen muss, auch wenn dieser Lebensabschnitt noch unendlich weit weg scheint.

Therese ist leider kein Einzelfall. Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass mit der dritten Säule des Drei-Säulen-Prinzips das persönliche Sparen gemeint ist. Zur umfassenden Altersvorsorge gehört folglich das eigene Sparen. Damit das funktioniert, muss Sparen schon im Kindsalter gelehrt werden, zu Hause und in der Schule, dort etwa anhand konkreter finanzieller Zielsetzungen. Beispielsweise: Du möchtest mit 35 eine Familie gründen und dazu eine Eigentumswohnung kaufen: Wie viel musst du ab deinem 20. Lebensjahr pro Monat sparen, damit du das von der Bank verlangte Eigenkapital von 150 000 Franken zahlen kannst? Den Zins kannst du vernachlässigen. Wie immer die Beispiele gewählt werden, es geht darum, die Funktion des Sparens und dessen Bedeutung fürs Alter ins tägliche Bewusstsein zu holen.

Den Jungen wird im Alter weniger bleiben

Das persönliche Sparen wird in Zukunft aus einem andern Grund noch wichtiger. Immer wieder weisen Pensionskassen darauf hin, dass die heutigen Rentner auf Kosten der jungen Generation leben. Konkret geht es um den Umwandlungssatz, um jenen Prozentsatz, zu dem das im Rahmen des BVG angesparte Vermögen in eine jährliche Rente umgewandelt wird. Dieser Satz ist mit 6,8 Prozent angesichts der Negativzinsen und der desolaten Ertragslage der Pensionskassen unverantwortlich hoch. Wie konkret jetzt schon umverteilt wird, geht aus den Deckungskapitalien hervor, welche Lebensversicherer, die Pensionskassen versichern, jedes Jahr für die Alten zusätzlich reservieren müssen. Gemäss Finma waren das in den letzten beiden Jahren je rund 2,2 Milliarden Franken oder jeweils acht Prozent des Deckungskapitals. Geld, das eigentlich den Jungen gehört.

Wie auch immer die künftige Altersvorsorge ausgestaltet wird: Den Jungen wird im Alter weniger bleiben. Am persönlichen Sparen führt darum kein Weg vorbei. Wäre Therese schon früher auf ihre Situation aufmerksam gemacht worden, könnte sie jetzt ruhiger schlafen.

* Der Autor ist Betriebsökonom HWV. Er war Chefredaktor («Cash», «Aargauer Zeitung») sowie Gastgeber der TV-Sendung «Cash-Talk». Heute ist er Partner bei der Kommunikationsagentur GMRZ und unterstützt Unternehmen und Führungsleute in der Öffentlichkeitsarbeit.

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