Wochenkommentar

Feind der Diktatoren – oder Feind der Demokratie?

In seinem Wochenkommentar schreibt «Nordwestschweiz»- und «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktor Patrik Müller über den wachsenden Widerstand gegen Facebook.

Patrik Müller
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Patrik Müller: «Es würde vollauf genügen, wenn Facebook seine Hausaufgaben machen und beispielsweise Fake-Accounts stoppen würde, statt sich hochtrabend als Weltverbessererfirma zu inszenieren.» (Archivbild)

Patrik Müller: «Es würde vollauf genügen, wenn Facebook seine Hausaufgaben machen und beispielsweise Fake-Accounts stoppen würde, statt sich hochtrabend als Weltverbessererfirma zu inszenieren.» (Archivbild)

Keystone

Als ich diese Woche meine Facebook-App öffnete, poppte ein Fenster auf: «Patrik, wir möchten uns verbessern», stand da. «Bitte gib an, ob du der folgenden Aussage zustimmst oder nicht zustimmst: Facebook ist gut für die Welt.» Darunter wurden fünf Antworten zur Auswahl gegeben, von «Stimme völlig zu» bis «Stimme überhaupt nicht zu».

Facebook will gut sein für die Welt. Lange Zeit hätten viele Nutzer dieser Aussage wohl zugestimmt. 2011 jagte das Volk in mehreren nordafrikanischen Staaten vermeintlich unstürzbare Diktatoren aus ihren Ämtern, eine wichtige Rolle spielten dabei die sozialen Medien, weil sie unzensierte Informationen sicherstellten. Der Arabische Frühling wurde gar als «Facebook-Revolution» bezeichnet. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg pries seine Firma als «starke Kraft für den Weltfrieden».

Das Urteil des Harvard-Professors

Heute kommt der Harvard-Professor Niall Ferguson zum bitteren Schluss, dass Facebook «die grössere Bedrohung für die Demokratie als für Diktatoren sein könnte». Die Glaubwürdigkeitskrise, in der die Demokratie stecke, hat laut dem Historiker viel mit den sozialen Netzwerken zu tun.

Vor kurzem berichtete Freedom House – eine unabhängige Organisation, die seit 77 Jahren untersucht, wie es um die Freiheit in den Ländern steht –, dass die Demokratie 2017 den gravierendsten je gemessenen Rückschlag erlitten hat. Freie und faire Wahlen, die Pressefreiheit, die Rechte von Minderheiten, rechtsstaatliche Prinzipien: Diese demokratischen Errungenschaften sind laut Freedom House weltweit unter Druck.

Die Profiteure heissen China und Russland. Die beiden Grossmächte sehen ihr eigenes, autoritäres Staatsverständnis aufgewertet, wenn die Demokratien kriseln. Dass Russland mit Desinformationskampagnen das Vertrauen in die Demokratie gezielt unterminiert, gilt inzwischen als unbestritten.

Womit wir wieder bei Facebook sind. Ein aktuelles Beispiel zeigt, wie die sozialen Medien dazu missbraucht werden können, demokratische Gesellschaften zu spalten und Unruhe zu stiften: Das Schul-Massaker von Florida, bei dem letzte Woche ein ehemaliger Schüler 17 Menschen tötete.

Das Schulmassaker von Parkland, Florida in Bildern:

Einsatzkräfte kümmern sich um einen Verletzten vor der Schule in Parkland, US-Staat Florida.
11 Bilder
Familienangehörige warten auf Informationen aus der Schule.
Schüler verlassen gemeinsam das Schulgebäude.
Eine Sicherheitskraft im Gespräch mit Schülern.
Der Mann und ein Schüler schauen sich gemeinsam Bildmaterial aus dem Innern der Schule an.
Schiesserei Florida

Einsatzkräfte kümmern sich um einen Verletzten vor der Schule in Parkland, US-Staat Florida.

AP

Nur eine Stunde nachdem die ersten Schüsse fielen, verbreiteten sich auf Facebook und Twitter extrem polarisierende Meldungen, die Verschärfungen des Waffenrechts forderten, und solche, die diese Forderungen sogleich polemisch zurückwiesen. Eine Debatte darüber war naheliegend, dass sie aber derart schnell losbrach, irritierte und war pietätlos.

Wie Medienforscher herausfanden, wurden viele Meldungen zuerst von dubiosen Konten losgeschickt – etwa von russischen Propagandisten. Teils von realen Menschen, teils von Bots, also von Computern, die automatisch Meldungen generieren. Die Bots sind so programmiert, dass sie sich in den sozialen Medien systematisch einschalten, wenn es um äusserst spaltende Themen geht.

Die Folgen davon sind bedenklich für eine Demokratie: In den sozialen Medien erreichen Falschinformationen und Halbwahrheiten ein breites Publikum, extreme und aggressiv vorgetragene Standpunkte werden verstärkt, während differenzierte Meinungen untergehen. Laut Politologen führt das zumindest in den USA dazu, dass in der Politik die Bereitschaft zu Kompromissen abnimmt.

Wie einfach Facebook, aber auch Twitter, Instagram und Youtube zur Desinformation zu nutzen sind, zeigte letzte Woche die Anklage von US-Sonderermittler Robert Mueller gegen 13 russische Staatsbürger, welche die Präsidentschaftswahlen 2016 beeinflusst haben sollen.

Demnach war die «Troll-Fabrik» der Russen, welche die sozialen Medien manipulierte, gar nicht so gross. Weniger als 100 Social-Media-Provokateure seien es gewesen. Ihnen standen bei Facebook 25 000 Angestellte gegenüber, von denen 10 000 im Bereich Sicherheit arbeiteten. Sie hinderten die Trolle nicht daran, ihren Job zu verrichten.

Facebook hat nun angekündigt, 10 000 zusätzliche Mitarbeiter einzustellen, um gefälschte Konten zu identifizieren und Hassbotschaften zu unterbinden. Ob der Konzern damit seine immer zahlreicheren Kritiker besänftigen kann, ist fraglich.

Das «Wall Street Journal» stellte diese Woche die Frage, ob die Behörden Facebook nicht wie einen Monopolisten behandeln und aufspalten müssten. Dies auch «aus Gründen der Staatssicherheit».

Und der normale Nutzer?

Angesichts dieser Drohkulisse wird erklärbar, warum Facebook «gut für die Welt» sein möchte. Ein solcher Nimbus böte Schutz vor politischem Druck. Doch für die meisten User – in der Schweiz sind es 3,8 Millionen – dürfte die Frage, wie gut Facebook für die Welt ist, nicht entscheidend sein.

Sie nutzen das Netzwerk, um sich mit Freunden auszutauschen und News zu erfahren, deren Glaubwürdigkeit zu beurteilen sie sich durchaus zutrauen. Ihnen, und der Schreibende zählt sich dazu, würde es vollauf genügen, wenn Facebook seine Hausaufgaben machen und beispielsweise Fake-Accounts stoppen würde, statt sich hochtrabend als Weltverbessererfirma zu inszenieren.