Kolumne

Falsch, scheinheilig, schädlich

Esther Girsberger
Drucken
Teilen
Publizistin und Moderatorin Esther Girsbergers Kolumne zur heftig geführten Debatte um die Abschaffung der Prostitution. (Symbolbild)

Publizistin und Moderatorin Esther Girsbergers Kolumne zur heftig geführten Debatte um die Abschaffung der Prostitution. (Symbolbild)

/KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Es braucht schon als Mann gehörig Mut, Michel Houellebecq zu verteidigen. Geschweige denn als Frau. Wenn ich den französischen Schriftsteller dennoch nicht verteufle, dann aus verschiedenen Gründen. Erstens, weil ich sein Werk «Soumission» («Unterwerfung») trotz den vielen unnötigen Provokationen und Geschmacklosigkeiten (etwa die nicht sehr anregenden Sex-Szenen) mit Gewinn gelesen habe und die Umschreibung des Buches als «gescheiterten hervorragenden Roman» durch die Kritikerin der welschen Zeitung «Le Temps» sehr zutreffend finde.

Zweitens, weil Houellebecqs Dankesrede auf den ihm verliehenen Franz-Schirrmacher-Preis (integral abgedruckt in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung») durchaus lesenswert ist. Auch wenn die Rede – vor allem bei Frauen – zu harschen Reaktionen geführt hat. In diesen Chor – und das ist der dritte Grund – stimme ich nicht ein. Mir geht der unbändige Zorn unzähliger Frauen (und Männer) auf die Nerven, die Houellebecqs Gedanken über Sex und Moral mit einer gestörten Libido gleichsetzen und ihm damit womöglich noch schmeicheln.

Houellebecq wird ausserhalb von Frankreich auf die Reizworte «Sex» und «Anti-Islamismus» reduziert. Gerade die heftigsten Kritikerinnen – etwa Milena Moser, die zusammen mit fünf anderen Autorinnen in der «Schweiz am Sonntag» vom 2. Oktober kein gutes Haar an Houellebecq gelassen haben –, setzen sich nicht mit der Situation in Frankreich auseinander. Ein Frankreich, das sich in einer wirtschaftlich und gesellschaftlich schwierigen Lage befindet, das einen französischen Michael Kohlhaas wie Houellebecq überhaupt erst hat gross werden lassen. Einer Abrechnung mit ihm müsste eine Auseinandersetzung mit Frankreich vorausgehen.

Natürlich teile auch ich das krude Herrschaftsverständnis des «agent provocateur» nicht, wonach die Abschaffung der Prostitution «für die europäische Gesellschaft einfach ein Selbstmord» wäre. Selbstmörderisch wäre das Verbot nicht. Falsch, scheinheilig und schädlich hingegen schon. Beginnen wir beim sattsam zitierten Schweden, das die Prostitution staatlich untersagt. Anzunehmen, sie sei deswegen verschwunden, ist naiv. Sie wurde nur verbannt. In den Untergrund oder ins Internet. Welche Spielregeln dort gelten oder eben nicht, ist bekannt. Aus dem Auge, aus dem Sinn, weil die Strassenprostitution nicht toleriert wird, heisst nicht, dass es keinen käuflichen Sex mehr gibt. Wer der Prostitution einen Riegel schieben will, verdrängt sie in die Illegalität. Mit allen negativen Folgen. Die gleiche Scheinheiligkeit beweist Schweden mit dem Alkoholverkaufsverbot.

Ebenfalls unsinnig ist die feministische Verdammung Houellebecqs, der «die Pornografie als Rückgrat der Ehe» bezeichnet. Selbstverständlich ist die Aussage in dieser Radikalität unsinnig. Selbstverständlich sei es jeder Ehefrau anheimgestellt, sich von ihrem sonst mit vielen Werten gesegneten Partner zu trennen, sollte sie von seinem Seitensprung während eines mehrtägigen Kongresses im Ausland erfahren. Diejenigen aber zu verteufeln, die es sich bieten lassen, zeugt von einer Anmassung sondergleichen. Kann und darf niemals sein, dass Sexualität auch als natürliches Bedürfnis wahrgenommen wird, das – aus welchen Gründen auch immer – in der Ehe nicht (mehr) und deshalb allenfalls auch mal auswärts befriedigt wird?

Nicht die Prostitution sollte infrage gestellt werden, sondern unter welchen Bedingungen die im Gewerbe tätigen Frauen (und Männer!) arbeiten. Man unterscheide also zwischen dem untolerierbaren Menschenhandel – oder die von schamlosen Zuhältern praktizierte Zwangsprostitution – und der Sexarbeit. Das tut in wohltuender Art und Weise Thomas Widmer mit seinem «journalistischen Bordellbesuch» («Tages-Anzeiger» vom 3. Oktober). Wahrscheinlich sehr zum Entsetzen mancher Feministin, beschreibt er in seinem Bericht, dass die dort tätigen Sex-Arbeiterinnen nur so weit gehen, wie sie wollen. Widmer erzählt, dass nicht wenige sich aufgrund einer nüchternen ökonomischen Analyse zu dieser Erwerbsarbeit entschliessen und dies – horribile dictu – sogar freiwillig tun.

Zugegeben: Jene Frauen, die ihren Körper frei anbieten, sind in der Minderheit. Es ist aber weder Sache des Staates noch radikaler Frauenrechtlerinnen, sich in die Gewerbefreiheit oder die Privatsphäre einzumischen. Sache des Staates, der Politik, der Gesellschaft wäre es, solche Frauen zu unterstützen, indem sie Sozialzuschüsse, Steuererleichterungen und eine taugliche Migrationspolitik erörtern und umsetzen.