Kommentar

Diese Lawine hätte viele treffen können

Sabine Kuster
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Ein Lawinenabgang im Bereich des Jochgrubenkopfs in Tirol hat vier Todesopfer gefordert.
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Alle vier stammen aus dem Aargau. Vier andere konnten sich selbst retten oder wurden gerettet. Sie gehören alle dem Männerturnverein Brittnau an.
Kopie von Lawinenunglück in Schmirn
Einer der Verschütteten musste rund zwölf Meter unter der Oberfläche geborgen werden.
Die Unglücksstelle mit einem Handschuh eines der Opfer.
Die Lawine ging unterhalb des 2453 Meter hohen Jochgrubenkopfes nieder.

Ein Lawinenabgang im Bereich des Jochgrubenkopfs in Tirol hat vier Todesopfer gefordert.

Keystone

Die waren vielleicht schon etwas riskant unterwegs. Ich glaube nicht, dass ich diesen Hang befahren hätte.» Solche Gedanken sind wohl jedem Skitourenfahrer schon durch den Kopf, wenn er von Lawinenunglücken gelesen hat. Man glaubt, man wäre klüger und vorsichtiger gewesen.

Nicht bei Lawinenunglücken wie jenem von letzter Woche in Tirol. Natürlich sind Nordhänge meist gefährlicher als Südhänge. Und ja, es ist steil am Jochgrubenkopf. Aber mit einer Lawine hätte dort bei diesen Verhältnissen – Hand aufs Herz – kaum einer gerechnet.

Doch der Jochgrubenkopf ist keines dieser Lawinenunglücke, welche die anderen Skitourenfahrer leichtfertig und besserwisserisch beiseiteschieben und vergessen können. Denn der Tod der vier Tourenfahrer führt ihnen das Unheimlichste der Berge vor Augen: das latente Restrisiko. Die Gefahr also, dass selbst wenn Ausrüstung, Know-how, das Wetter und der Lawinenbericht gut sind, das Schlimmste passieren kann.

Manche zieht es wegen dieses Kitzels umso mehr in die Berge. Andere fürchten sich vor dem Risiko und gehen nur, wenn sie sich in Sicherheit wägen. Aber sie gehen. Bei mehrheitlich perfekten Verhältnissen befahren sie die steilen Schattenhänge, wo der Pulverschnee noch nicht von der Sonne geschmolzen ist. Dass es einen nicht erwischt, ist manchmal schlicht Glück. Glück brauchen alle Berggänger immer wieder und hoffentlich verlässt es sie nicht. Im Wissen darum sollte es sie demütig machen statt besserwisserisch.

sabine.kuster@azmedien.ch