Kolumne

Die Sprache des Bauches

Florian Riniker über Schmetterlinge im Bauch und wie unsere Emotionen mit dem Verdauungssystem zusammenhängen.

Florian Riniker
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Bauchweh vor dem Diktat oder Stuhldrang vor der Abschlussprüfung? Für Florian Riniker scheint der Verdauungstrakt der Sitz der Seele zu sein.

Bauchweh vor dem Diktat oder Stuhldrang vor der Abschlussprüfung? Für Florian Riniker scheint der Verdauungstrakt der Sitz der Seele zu sein.

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Die Otorhinolaryngologie (Hals-Nasen-Ohrenkunde) ist unter den Facharztbezeichnungen wohl der grösste Zungenbrecher. Da habe ich es als Gastroenterologe schon fast einfacher. Die anatomischen Bezeichnungen und etliche medizinische Begriffe stammen aus der Antike.

Im Studium war ich anfänglich froh um meine Lateinkenntnisse. Nach einiger Zeit dann sind, wenn man die Grundbegriffe einmal kennt, viele Bezeichnungen in der Fachsprache letztendlich logisch zusammengesetzt und für Menschen im Gesundheitswesen im Nu selbstverständlich.

Der Gastroenterologe ist ein Facharzt für Magen- und Darmerkrankungen und zuständig für die Abklärung und Behandlung von Erkrankungen von Speiseröhre bis Darmausgang, inklusive «Zulieferer» wie Leber und Bauchspeicheldrüse.

Weil da natürlich das Hinterteil des Menschen auch dazugehört, musste ich mir seit meiner Berufswahl von Freunden und Bekannten schon so manchen Kalauer anhören oder meine Beweggründe erklären, warum ich mich mit dieser dunklen Seite des Menschen befassen wolle.

Nun ja, seit dem Bestseller «Darm mit Charme» von Giulia Enders ist aber vielen klar geworden, dass dieser mysteriöse Tunnel durch unseren Körper hindurch eine enorme Faszination ausüben kann.

Ich gehe jeden Tag voller Freude und Elan zur Arbeit und fühle mich durch die Autorin fast ein bisschen verraten, war doch die wundervolle Vielschichtigkeit unserer Bäuche vorher fast mein exklusives Geheimnis.

Am Anfang meiner medizinischen Laufbahn war die Komplexität dieses auf den ersten Blick recht linearen Systems (oben rein, unten raus) spannend. Wissen Sie, was mich an unserem Verdauungssystem aber mittlerweile am meisten fesselt?

Dass der Verdauungstrakt der Sitz der Seele zu sein scheint. Nicht, dass Sie jetzt meinen, jedes Magenbrennen und jede Blähung seien psychisch bedingt, nein. Es besteht allerdings eine Verstärkung bestehender Symptome durch Emotionen.

Das glauben Sie nicht? Dann denken Sie an das Bauchweh vor dem Diktat, an den Stuhldrang vor Ihrer Abschlussprüfung, an die Schmetterlinge beim Verlieben oder an die Appetitlosigkeit, wenn Sie trauern.

Durch Gefühle gefärbte Bauchbegriffe finden sich, und jetzt verstehen Sie wohl meine Faszination immer besser, überall in unserer Sprache wieder. Sie hören auf Ihr Bauchgefühl. Er hat Schiss. Sie findet etwas zum Kotzen. Diesem kommt die Galle hoch vor Wut. Dieser kriecht etwas über die Leber und jenem liegt etwas auf dem Magen.

Wissen Sie, was ein Choleriker ist? Ein Begriff, der in der Antike durch die Lehre der Körpersäfte geprägt worden ist, aus dem Altgriechischen cholé, Gallensaft, stammt und einen zu Wutanfällen neigenden Menschen bezeichnet.

Die Verdauung ist keine simple Körperfunktion, sondern ein geniales System in unseren Bäuchen, dem man mit etwas Konzentration nicht nur selber zuhören kann, sondern das in unserem Alltag mitspricht und in unserer Sprache öfter zitiert wird, als man meint. Viel Freude beim Hinhören.

Zu Florian Riniker: Magen-Darm-Spezialist

Dr. Florian Riniker (41) ist neuer Kolumnist der AZ. Er arbeitet
als Magen-Darm-Spezialist in Aarau und wohnt in Suhr.