Gastkommentar
Corona-Pandemie: Erfahren sein statt aufgeregt

Zeit, sich Gedanken über die Zeit nach Corona zu machen, findet Gastkommentar Thomas Kessler

Thomas Kessler
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Thomas Kessler: «Die Krise zeigt auch, dass flexibles Arbeiten, Homeoffice, antizyklisches Pendeln und Videokonferenzen funktionieren.»

Thomas Kessler: «Die Krise zeigt auch, dass flexibles Arbeiten, Homeoffice, antizyklisches Pendeln und Videokonferenzen funktionieren.»

KEYSTONE/DPA/A4468/_DANIEL NAUPOLD

Die Kurve der Neuinfizierten sinkt, jene der Arbeitslosen steigt, das Regime wird vorsichtig gelockert, 70 Prozent der Wirtschaft funktionieren noch. Im globalen Bewältigungswettbewerb steht die Schweiz respektabel da, mit helvetisch ausgewogenen Massnahmen und den klassischen Startschwierigkeiten. Antizipieren und von anderen rasch lernen – etwa von Südkorea – ist im alten Kontinent nicht die erste Tugend. Und imperiale Geopolitik ist immer noch stärker als die Vernunft: Taiwan, eines der erfolgreichsten Länder im Krisenmanagement, wird auf Wunsch Chinas ignoriert. Dies in einer Zeit, in der sogar die Hamas ihre Kriegstätigkeit einstellt und mit Israel kooperiert.

Im Inland zählen starke Solidarität und Sympathie zu den Helden an der Gesundheitsfront. Die strikte Loyalität zu den Behörden hielt vier Wochen. Das gute Bild wird gestört durch die konfuse Vorsorge. Obwohl die Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg das aufwendigste Vorratssystem der Welt betreibt, waren Teile der medizinischen Grundversorgung schon nach Tagen am Limit – inkl. Ethanol. Hingegen lagern wir Stickstoffdünger für Monate. Noch Anfang März wurden Vermittlungsangebote für den Grossimport von Qualitätsmasken mit dem Hinweis auf die (eigenen) komplizierten Verfahren zurückgewiesen. Man wird den Eindruck nicht los, dass die historische Prägung durch den «Plan Wahlen» (1937/45) die Agilität behindert.

So auch bei der Suche nach Systemrelevanz. Bei der Finanzkrise waren das die Grossbanken. Zu Seuchenzeiten ist es zuerst das Gesundheitswesen, doch dieses braucht Zulieferer, und diese wiederum Produzenten, und diese Maschinen und Ausgangsmaterialien etc., und plötzlich merkt man, dass es für die ganze Gesellschaft nachhaltigen Schaden gibt, wenn die Kleinbetriebe eingehen. Sie müssen rasch wieder starten können.

Es wird klar, wer im Kern das System trägt. Am 20. Januar habe ich an dieser Stelle geschrieben: «Wieso wir weniger Leute in den Chefetagen brauchen und mehr Respekt vor ehrlicher Arbeit.» Genannt hatte ich die Zugreiniger, Pöstlerinnen, Chauffeure, Bäuerinnen, Krankenpfleger, Spitex-Mitarbeiterinnen, Lehrer, Sicherheitsleute und Monteure. Ihnen gebührt auch nach der Krise Wertschätzung und anständige Entlöhnung.

Die Krise zeigt auch, dass flexibles Arbeiten, Homeoffice, antizyklisches Pendeln und Videokonferenzen funktionieren. Einige Betriebe sprechen von 50 Prozent Zeit- und Effizienzgewinnen. Das Potenzial für Homeoffice liegt insgesamt bei 30 Prozent, für flexibles Arbeiten bei 60 Prozent. Vor der Krise fuhren die SBB zu 70 Prozent leer durchs Land, jetzt zu über 90 Prozent. Mit der klugen Verteilung über Tag und Woche geht es ohne täglichen Dichtestress. Viele Meetings können auch zwischen den Stosszeiten abgehalten werden, und ins Tessin kann man auch in den 360 Tagen vor oder nach Ostern.

Und wie kommen die gefährlichen Viren von Wildtieren über Zwischenwirte als Zoonose zum Menschen? Ursachen der krankmachenden Nähe: Zerstörung der natürlichen (Wald-)Habitate, die Wildtiere müssen in den Kulturraum ausweichen, werden gewildert und mit Nutztieren auf horriblen Misch-Märkten gehalten. Massentierhaltung ist ein weiterer Grund. Und die Korrelation zwischen Mortalität und Luftverschmutzung ist offensichtlich.

Es bleibt die alte Lehre: Für die Gesunderhaltung muss man das Haus in Ordnung halten und auch zu den Nachbarn schauen. Zum Haus (Oikos, Öko) gehören auch die Lebensgrundlagen von Mensch und Tier. Wo diese malträtiert werden, bleiben die Konsequenzen nicht aus.

Wir erleben, dass auch ein Leben ohne Dauerhektik möglich ist. Kreativität, Solidarität und Esprit geben Kraft. Flexibilität und Agilität schaffen gute Lösungen und entlasten die Umwelt. Nehmen wir dieses Wissen mit.

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