Wochenkommentar
Bleiben wir gelassen

Der Terror rückt näher. Das geht nicht spurlos an der Schweiz vorbei. Wie ist mit der aktuellen Verunsicherung umzugehen? Zwar mag eine höhere Polizeipräsenz manchen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Doch auch dieses Gefühl trügt.

Anna Wanner
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«Zwar mag eine höhere Polizeipräsenz manchen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Doch auch dieses Gefühl trügt. Denn die Wahllosigkeit des Ziels, die gestörte Psyche der Täter machen deren Grausamkeiten alles andere als vorhersehbar.» (Archivbild)

«Zwar mag eine höhere Polizeipräsenz manchen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Doch auch dieses Gefühl trügt. Denn die Wahllosigkeit des Ziels, die gestörte Psyche der Täter machen deren Grausamkeiten alles andere als vorhersehbar.» (Archivbild)

/KEYSTONE/ENNIO LEANZA

Nizza, Istanbul, Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach, Saint-Étienne-du-Rouvray – die Chiffren eines gewaltsamen Sommers.

Der Terror rückt näher. Das geht nicht spurlos an der Schweiz vorbei. Vielmehr beschleicht einen das beklemmende Gefühl, dass Orte und Opfer immer zufälliger gewählt werden: Mit Rucksackbomben, Pistolen und Messern werden Anschläge in Restaurants und im Zug
verübt.

Sie richten sich weder gegen politische noch gegen wirtschaftliche Institutionen. Ziel dieser Grausamkeiten ist einzig, Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Gefahr eines terroristischen Anschlags ist hierzulande deshalb nicht gestiegen.

Doch unser Hirn spielt das perfide Spiel der Attentäter und ihrer Strippenzieher ein Stück weit mit: Auch wenn wir wissen, dass real eine äusserst geringe Gefahr besteht, Opfer eines Anschlags zu werden, schleichen sich unheimliche Gedanken in den Alltag ein.

Etwa beim Sonnenbad: Was, wenn in der überfüllten Badi einer austickt? Oder bei der Ferienplanung: Begebe ich mich in Gefahr, wenn ich im Zug nach Paris reise? Oder am Nationalfeiertag: Soll ich grössere Menschenansammlungen meiden?

Vertrauen in die Integrationskraft der Schweiz

Wie ist mit der aktuellen Verunsicherung umzugehen? Das Naheliegende wäre, das Sicherheitsdispositiv hochzufahren.

Zwar mag eine höhere Polizeipräsenz manchen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Doch auch dieses Gefühl trügt. Denn die Wahllosigkeit des Ziels, die gestörte Psyche der Täter machen deren Grausamkeiten alles andere als vorhersehbar.

Also wird die Überwachung verstärkt. Der Nachrichtendienst des Bundes soll neue Kompetenzen erhalten, den Internet-Verkehr mit dem Ausland abhorchen und die Signale der Funkantennen auswerten – sofern das Volk im September das neue Gesetz annimmt. Die Chancen stehen gut. In der Hoffnung, Straftaten vorzubeugen und Terroristen aufzudecken, wird es den staatlichen Eingriffen wohl zustimmen.

Die Basis zum Schutz der Bevölkerung ist also gelegt. Nun gibt es zwei Wege, wie Politiker in der angespannten Situation verfahren. In der Schweiz reagiert eine Mehrheit gelassen. Der Bundesrat erklärte bereits im November, nach den Anschlägen in Paris, politischer Aktivismus wäre verfehlt.

So folgt das Leben in der Schweiz weiterhin seinem geregelten Lauf: Johann Schneider-Ammann hält am Buurezmorge im waadtländischen Bussy-Chardonney eine 1.-August-Ansprache.

Sein Kollege Ueli Maurer referiert über den Finanzplatz. Alain Berset eröffnet den Neubau des Landesmuseums in Zürich. Und Doris Leuthard gratuliert den Schweizer Pionieren von «Solar Impulse» zum ersten kerosinfreien Flug um die Welt.

Diese Gelassenheit hat ihren Grund auch abseits der bereits getroffenen Sicherheitsvorkehrungen: Schulen, Lehrmeister sowie Gemeinden und Kantone leisten nachweislich gute Integrationsarbeit.

Eine Gettoisierung, wie man sie aus den Banlieues in Frankreich oder den Grossstädten Deutschlands kennt, findet in der Schweiz nicht statt. So fangen unsere Sozialsysteme in der Regel auch jene auf, die im Leben das Glück nicht immer auf ihrer Seite hatten. Der Bundesrat vertraut auf den helvetischen Geist, der die Vielfalt nicht nur im Föderalismus und der Mehrsprachigkeit zulässt.

Es gibt aber auch die anderen, die Panikmacher, welche die Attentate nutzen, um politisches Kapital aus der Situation zu schlagen. Dazu gehören Brandstifter wie SVP-Fraktionschef Adrian Amstutz, der im Namen der Partei erklärt, der Ursprung allen Übels liege in der «unkontrollierten, masslosen Zuwanderung».

Er vermischt dabei absichtlich die legale, erwünschte Zuwanderung mit illegaler Migration. Und warnt, dass angesichts Tausender Migranten auch in der Schweiz noch unerkannte Gefahren schlummern.

Nun ist es ein Leichtes, die Regierung für ihre Untätigkeit zu kritisieren. Doch mit den immergleichen Rezepten streut die Volkspartei den Bürgern höchstens Sand in die Augen: Weder systematische Grenzkontrollen noch der Ausbau der Armee oder Kontingente können illegale Migration stoppen und terroristische Anschläge verhindern.

Wenn sich in den letzten Monaten etwas gezeigt hat, dann dass sich Probleme wie der islamistische Terrorismus und die Flüchtlingsfrage nur mit und nicht ohne Europa lösen lassen – etwa über den Austausch von Informationen zwischen Nachrichtendiensten sowie über eine koordinierte Aussenpolitik.

Vor allem aber ist es geradezu kontraproduktiv, mit dem Finger auf unschuldige Migranten, Muslime oder psychisch Kranke zu zeigen. Anstatt ständig am gesellschaftlichen Zusammenhalt zu rütteln, wäre dieser vielmehr zu stärken. Denn wer sich
respektiert fühlt und eine Perspektive hat, kommt weniger schnell auf dumme Ideen.

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