Baden-Baladen
50 Rappen – oder wie ich zum Verbrecher wurde

Was habe ich schon Geld verschwendet! Für Millionen-Lose etwa, jede Weihnachten! Ich kaufe auch immer eine neue Papiertüte im Laden, obwohl die sich bei mir zu Hause stapeln.

Simon Libsig
Simon Libsig
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Ein 50 Räppler.

Ein 50 Räppler.

Keystone

Und ja, ich habe sogar schon lästiges Münz weggeworfen. Fremdwährung nach einer Reise, oder Fünfräppler. In den Abfall! Ich weiss, ich schäme mich. Nun musste ich dafür büssen.

Die Strafe erfolgte zunächst in Form einer Ohrenentzündung. Üble Eitergeschichte, ich musste notfallmässig zum Spezialisten. Der empfing mich ausnahmsweise sogar sonntags, und ich war froh, dass ich direkt bei der Praxis, im Theaterplatzparkhaus parken konnte. Ich zog die Kapuze meiner Jacke ins Gesicht, auch als ich die Praxis wenig später wieder verliess, mit einem satten Kopfverband. Ich wollte möglichst schnell nach Hause und die Medikamente einwerfen, doch vor dem Ticketautomaten tastete ich vergeblich nach meinem Portemonnaie. Es war mit Kärtchen und Ausweis zu Hause in der Jeans geblieben, ich sage ja Notfall, ich stand da in Trainerhosen, in abgesägten. Gut, im Auto werde ich die benötigten 50 Rappen finden, war ich überzeugt, und fuhr guten Mutes mit dem Lift in die Tiefgarage.

Ich suchte im Fächlein bei der Handbremse und im Handschuhfach, ich schaute unter die Sitze und Fussmatten, ich zog meine Fingerkuppen durch die Polsterritzen, ich kramte in den Seitenfächern und räumte den Kofferraum komplett aus und wieder ein. Nichts! Ich fluchte vor Verzweiflung und Ohrenschmerz, ich schwitzte, und als mir jemand auf die Schulter klopfte, fuhr ich aggressiv herum. Dabei muss mir wohl der Autoschlüssel aus der Jackentasche gerutscht und im Gulli verschwunden sein. Nur so kann ich mir das erklären!

Nun, die beiden Polizisten taten im Grunde nur ihren Job. Und durch die Überwachungskamera muss das ja alles noch viel dramatischer ausgesehen haben. Ein verschlagener Typ mit Kapuze durchsucht in aller Hektik ein Auto. Bei der folgenden Personenkontrolle kann er sich weder ausweisen noch hat er einen Autoschlüssel! Vermutlich ein Abhängiger, so wie der schwitzt, und mit all den Medis! Und dann noch die Lüge mit dem Arzttermin, an einem Sonntag!

Auf dem Revier wird sich alles aufklären, dachte ich, und trottete mit gesenktem Haupt zwischen den beiden Uniformierten über den Theaterplatz. Da fiel mein Blick auf etwas Glitzerndes. Im Staub des Platzes grinste mir Helvetia auf einem Fünfzigrappenstück entgegen!

Das «Halt!» der Polizisten hörte ich nur gedämpft durch den Verband hindurch. Ich spurtete zum Automaten, wollte beweisen, dass es mir nur ums Bezahlen des Tickets gegangen war, schob es in den Spalt . . . aber zu spät. Als sie mich überwältigten sah ich gerade noch das Display aufleuchten: CHF 1.–.

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