Kommentar
Kulturboykott bringt nur Spaltung – Autorin Sally Rooney erntet zu Recht Empörung

Zu Sally Rooneys Weigerung, ihren neuen Roman in Israel zu publizieren.

Hansruedi Kugler
Hansruedi Kugler
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Sally Rooney im Jahr 2019 mit ihrem Buch «Normal People».

Sally Rooney im Jahr 2019 mit ihrem Buch «Normal People».

Tristan Fewings

Erinnern Sie sich noch an die Fatwa gegen Salman Rushdie, inklusive Bücherverbrennung? Jener britisch-indische Schriftsteller, den die iranischen Mullahs umbringen lassen wollten, weil er ihrer Meinung nach den Propheten Mohammed beleidigt habe? Rushdies Romane, die es mit ihrem magischen Realismus zu weltweiten Bestsellern geschafft haben, sind in vielen muslimischen Ländern nach wie vor verboten. Kultureller Transfer wird von deren Regimes mit allen Mitteln verhindert. Sind Romane gefährlich?

Offenbar fürchten etliche Regierungen literarische Bücher, weil diese im Raum des Fiktiven jene aufklärerische Freiheit des Geistes bei den Leserinnen und Leser wecken: das Selbstdenken, Mitfühlen und Infragestellen. Salman Rushdie ist nur der berühmteste unter Hunderten weltweit bedrohten und zensurierten Schriftstellerinnen und Schriftstellern.

Verwundert schaut man derzeit aber in eine verkehrte Welt. Es ist paradox: Da zensuriert sich eine junge irische Bestsellerautorin gleich selbst. Aber nicht etwa im Iran, wo Rushdie nach wie vor geächtet ist. Im Mullah-Staat erscheinen ihre Romane weiterhin. Nein, die 30-jährige Sally Rooney, gefeiert als Stimme der politisierten Millenials, eine bekennende Neomarxistin und hochbegabte Schriftstellerin, hat entschieden, dass ihr dritter Roman «Schöne Welt, wo bist Du» nicht im israelischen Verlag Modan erscheinen darf. Jener Verlag, bei dem ihre ersten beiden Romane auf Hebräisch erschienen sind.

Rooney unterstützt die im Jahr 2005 gegründete Boykottbewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions), die gegen die Besetzung und die Siedlungspolitik Israels im Westjordanland und in Ostjerusalem gerichtet ist. Wirtschaftlich steht dabei der Boykott von israelischen Produkten im Vordergrund, die auf besetztem Gebiet hergestellt worden sind. Einige Aktivisten jedoch dehnen den Boykottaufruf auf alle israelischen Produkte aus, bezeichnen Israel als «Apartheidstaat» und weiten den Boykott auf die Kultur aus.

Nun sind moralischer Enthusiasmus und selektive Ignoranz beliebte und verbreitete Schwächen von politischen Hitzköpfen. Dass Sally Rooneys Romane etwa in China publiziert werden, scheint die irische Autorin nicht zu stören. Überhaupt ist die Grenzziehung schwierig: Soll man die USA boykottieren, weil dort noch die Todesstrafe vollzogen wird? Indonesien, weil der Regenwald abgeholzt wird? Iran, weil Homosexuelle hingerichtet werden? Einige berühmte Namen, vor allem solche aus Grossbritannien, bekennen sich zum Israel-Boykott. So etwa die Regisseure Ken Loach und Mike Leigh oder die Musiker Brian Eno und Pink-Floyd-Mitgründer Roger Waters. Anders als sie treten etwa die Rolling Stones, Lady Gaga und die meisten anderen Musikerinnen und Musiker in Israel auf.

Was Sally Rooney Boykott auslöst, war absehbar. Es folgt dem immer gleichen Muster: Dem Boykott wird sogleich ein Gegenboykott entgegengeworfen. Was nicht wundert. Israels Siedlungspolitik zu kritisieren, ist nachvollziehbar. Aber immer wieder steht die 2005 gegründete Kampagne in Verruf, statt Israelkritik Antisemitismus zu betreiben. So beschloss etwa der Deutsche Bundestag 2019, dass keine Bundesmittel in Projekte mit BDS-Aktivitäten fliessen dürfen. Was Sally Rooney mit ihrem Boykott erreicht, ist Spaltung, das Gegenteil kultureller Offenheit – und bestraft neugierige Leserinnen und Leser in Israel.

Im Gegensatz zur Fussball-WM in der Diktatur Katar, wo sich die Scheichs gerne mit dieser PR-Offensive als weltoffen feiern lassen werden, brauchte sich Sally Rooney in Israel auch nicht benutzt zu fühlen. So wichtig ist sie nämlich nicht. Was sie aber fördert, ist Antisemitismus.

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