KOMMENTAR
Die Russen wollen nicht mehr nicken

Beim russischen Volk macht sich Unmut breit und äussert sich in Protesten gegen die Obrigkeit. Offenbar sind nicht mehr alle Russen damit zufrieden, von oben herab regiert zu werden.

Samuel Schumacher
Samuel Schumacher
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Tausende demonstrierten am Sonntag in Moskau für die Freilassung des Oppositionsführers Alexej Nawalny.

Tausende demonstrierten am Sonntag in Moskau für die Freilassung des Oppositionsführers Alexej Nawalny.

Alexander Zemlianichenko / AP

Unvergessen sind die Bilder des russischen Präsidenten Wladimir Putin, wie er im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 durchs Land reiste und korrupten Lokalbeamten mit bösem Blick ins Gewissen redete. Der Präsident war in seinem Element – und die Kameras zielgenau auf ihn gerichtet. Putin hat sich jahrelang erfolgreich als Kämpfer gegen alles Korrupte inszeniert. Doch sein Widersacher Alexej Nawalny hat das Image mit viel Mut und einem Dokumentarfilm über Putins bislang geheime Luxusresidenz am Schwarzen Meer endgültig zerstört.

Wie gross der Unmut der Russen gegenüber ihrer Obrigkeit ist, zeigten die Demonstrationen, die gestern trotz Kälte und bewaffneten Polizeitrupps landesweit über die Bühne gingen. Tausende wurden verhaftet. Und doch wollen die Massen bereits morgen wieder protestieren. Dann entscheidet sich, ob Nawalny freikommt. Für Russland sind die Proteste eine ungewohnte Erfahrung. Durch seine ganze Geschichte hindurch wurde das russische Volk stets von oben herab regiert. Auf die sozialistische Schreckensherrschaft folgte ab 1990 eine staatlich verordnete Schnellbleiche in Demokratie. Doch 30 Jahre später geben sich die Russen nicht mehr mit ergebenem Abnicken zufrieden. Schon gar nicht, wenn die wirtschaftliche Lage so trüb ist wie das Winterwetter in Moskau. Und schon gar nicht, wenn der kleine Nachbar Weissrussland seit nunmehr einem halben Jahr zeigt, wie unerschrockener Aufstand funktioniert.