Kommentar
Langzeitrisiken des Virus: Die Durchseuchung wird Spuren hinterlassen

Nicht nur die Schweiz, auch Österreich lässt die Omikron-Welle durchrollen. Zwar hat sich bestätigt, dass viele Fälle mild verlaufen, doch gleichzeitig zeigen neue Studien wie einschneidend auch dann die Langzeitfolgen sein können.

Sabine Kuster
Sabine Kuster
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Ist Omikron wirklich weniger gefährlich? Und sind Durchseuchungsstrategien deshalb eine gute Idee? Lichtermeer in Gedenken an die Corona-Opfer am Sonntag, 19. Dezember 2021, auf der Ringstraße in Wien.

Ist Omikron wirklich weniger gefährlich? Und sind Durchseuchungsstrategien deshalb eine gute Idee? Lichtermeer in Gedenken an die Corona-Opfer am Sonntag, 19. Dezember 2021, auf der Ringstraße in Wien.

Florian Wieser / APA/APA

Kein Lockdown mehr, ab jetzt lasse man das Virus durchrauschen. So berichteten österreichische Medien über Pläne ihrer Regierung. Dazu hiess es, bisher habe noch kein Land in Zentraleuropa auf die Durchseuchung als Hauptstrategie gesetzt. Offiziell vielleicht nicht. Weil Durchseuchung ist ein unheimliches Wort. Kein Politiker möchte es in den Mund nehmen.

So sagte Bundesrat Alain Berset Ende November zwar: «Wir akzeptieren, dass sich viele ungeschützt anstecken werden.» Auf Nachfrage verneinte er aber, dass die Durchseuchung eine Strategie sei. Die Schweiz sei keine Insel, auf der man das mit sehr harten Massnahmen kontrollieren könne. «Und wir wollen das übrigens auch nicht tun, weil wir versuchen, auf dieser Gratwanderung immer den richtigen Weg zu finden.» In der Schweiz gab es immer nur einen Richtwert: Spitäler nicht überlasten. Ansonsten nahm man Corona in Kauf. Seit alle Erwachsenen die Möglichkeit hatten, sich zu impfen, erst recht.

Dass nun Österreich offenbar Omikron offiziell durchrauschen lassen will, hat damit zu tun, dass viele Erwachsene inzwischen eine Immunität haben und die neue Virus-Variante zu weniger schweren Fällen führt. Auch die Schweiz pokert so.

Die Kinder werden mitdurchseucht. Die wenigsten konnten sich in der ersten Januarwoche impfen lassen und die unter Fünfjährigen werden es den ganzen Winter nicht tun können. Bis jetzt haben sie die Kinderspitäler nicht an den Anschlag gebracht und es gibt ein anderes wichtiges Ziel: Schulschliessungen verhindern.

Doch eigentlich ist längst bekannt, dass nicht nur die aktuelle Belastung der Intensivstationen und offene Schulen relevant sind – sondern auch die Langzeitfolgen. Einige Long-Covid-Patienten werden nicht mehr ins Arbeitsleben zurückkehren. Neuere Studien zeigen ein düsteres Bild von dem, was das Virus im Körper und vor allem im Gehirn anrichten kann: Eine Abnahme der grauen Gehirnmasse und Sars-Cov-2-Viren im Gehirn, obwohl Viren die Blut-Gehirnschranke eigentlich nicht überwinden können.

Eine Studie zeigte einen verminderten Zuckerstoffwechsel in manchen Gehirnregionen und eine andere angegriffene Nebennieren, die Hormone produzieren. Personen, die Covid hatten, schnitten in kognitiven Tests noch sechs Monate nach der Infektion schlechter ab, hatten häufiger Wortfindungsstörungen und Kurzzeitgedächtnisprobleme. Selbst 16- bis 30-Jährige haben laut einer weiteren Studie nach einem halben Jahr noch in 28 Prozent der Fälle Geruchsstörungen, bleierne Müdigkeit (Fatigue, 21 Prozent) und Konzentrationsstörungen (13 Prozent).

Nicht nur der Schweizer Neurowissenschafter Dominique de Quervain twittert regelmässig über die neurologischen Befunde, Forschende weltweit diskutieren darüber. Sie befürchten auch einen Anstieg von Demenz.

Diese Krankheiten werden uns noch beschäftigen, wenn es längst nicht mehr um die Überlastung der Spitäler geht. Hätten wir sie verhindern können? Könnten wir neue Fälle verhindern? China verfolgt als einziges Land noch die Null-Covid-Strategie. Nur als Diktatur geht das. Und wir? Das Land mit den vielen Luftschutzkellern, mit Notvorräten und eigener Luftabwehr? Wo regelmässige medizinische Check-ups, Diabetes- und Krebs-Screenings empfohlen werden? Doch bei diesem Virus durchseuchen wir die Impfunwilligen, hoffen, dass bei Durchbrüchen Long Covid seltener ist und setzen fast ausschliesslich auf die Widerstandskraft des kindlichen Immunsystems.

Es ist schön, in einem freiheitlichen Land zu leben. Aber dessen Pandemie-Strategie hat eine starke fatalistische Komponente. Sie beachtet die erwähnten neuen Studien nicht. Vielleicht machen wir es in der nächsten Pandemie anders. Vielleicht denken wir dann nicht nur an die Langzeitrisiken neuer Impfungen, sondern auch an jene des Virus. Vielleicht reduzieren dann eine bessere Risikoabwägung mit einer höheren Impfquote die Gesundheitsfolgekosten und wir haben eine Test-Infrastruktur, die Wellen bewältigen kann.

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