Zwischenruf
In die Tiefe statt in die Breite

Vielleicht wäre die Pandemie genau der richtige Moment, um zu hinterfragen, wieso man hierzulande den Kulturschaffenden so vieles zutraut – nur nicht die Wahl ihres Wirkungsfeldes.

Stefan Strittmatter
Stefan Strittmatter
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Um den Auswirkungen der Coronapandemie auf das hiesige Kulturschaffen entgegenzuwirken, fördern Bund und Kantone neuerdings sogenannte Transformationen. Ins gleiche Horn stösst ­Philippe Bischof, Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia, in seinem Gastbeitrag in der «Schweiz am Wochenende» (24.1.), in dem er unter anderem mehr Raum für Trans­disziplinarität fordert.

Beides wirft die Frage auf, ob Kulturschaffen, das innerhalb der gewählten Formen bleibt, Stillstand bedeutet, der weder überlebensfähig noch schützenswert ist. Ich widerspreche mit Nachdruck. Und behaupte das Gegenteil: Insbesondere jene Künstler, die innerhalb ihrer Genres, innerhalb ihrer formellen Grenzen, innerhalb ihrer gewählten Ausdrucksformen verharren, erschaffen Neues.

Wer sich in verschiedenen Feldern versucht, der mag sich in die Breite entwickeln. Und möglicherweise sein Publikum vergrössern. Wer jedoch seine ganze Energie auf ein abgestecktes Feld konzentriert, der kann sich in die Tiefe graben – mit ein bisschen Glück und viel Ausdauer vielleicht sogar tiefer als alle Künstler, die ihr oder ihm auf diesem Weg voraus-gegangen sind.

Ich bezweifle, dass irgendjemand ernsthaft der Ansicht ist, Picasso hätte Grösseres bewirkt, wenn er zwischen seinen Gemälden noch den einen oder anderen Roman verfasst hätte. Oder dass Fellini ein begnadeter Bildhauer gewesen wäre, wenn er nicht seine ganze Zeit hinter der Kamera verbracht hätte. Oder dass Dürrenmatt die Schweiz stärker geprägt hätte, wenn er statt nur in die Schreibmaschine auch ab und an in die Klaviertasten gegriffen hätte.

Und dennoch erwartet man von den Schweizer Kulturschaffenden, dass sie möglichst oft und weit über den Tellerrand schauen, wie es dann jeweils heisst. Der Popmusiker soll mit dem Orchester zusammenspannen, die Tänzerin ein Hörspiel untermalen, die Autorin eine Fotoausstellung flankieren. Diese Forderungen gibt es schon länger. Doch verstärkt Corona diesen Trend: Künstler, die ihre Visionen trotz Krise weiterverfolgen wollen, werden nun per Hilfszahlungen angehalten, sich zu öffnen und zu «transformieren». Vielleicht aber wäre die Pandemie genau der richtige Moment, um zu hinterfragen, wieso man hierzulande den Kulturschaffenden so vieles zutraut – nur nicht die Wahl ihres Wirkungsfeldes.