Vor Schweiz-Frankreich
Deshalb dürfen wir gegen die «Grande Nation» verlieren

Niederlagen gegen Frankreich sind viel weniger schlimm als gegen Deutschland oder Italien. Das hat mit unserer Geschichte zu tun.

Stefan Schmid
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Gegen seine Nachfahren darf man verlieren: Napoleon Bonaparte.

Gegen seine Nachfahren darf man verlieren: Napoleon Bonaparte.

Corbis Historical

Man muss in Frankreich leben, um zu realisieren, dass die Franzosen sich selber gar nicht als «Grande Nation» bezeichnen. Gewiss, Demut und Bescheidenheit sind ihre Sache nicht. Aber diese ständige Beweihräucherung, das haben sie dann doch nicht nötig. Dafür ist ihre Geschichte zu gross, die Siege zu zahlreich, der Einfluss der französischen Kultur und Lebensart auf die Menschen in Europa und darüber hinaus zu prägend.

Es sind primär die Deutschen und die Schweizer, beide wohl etwas neidisch, die den Franzosen dieses Attribut «Grande Nation» zuschreiben. Aus deutscher Perspektive mag ja auch ein Schuss Überheblichkeit mit dabei sein, wenn sie die Franzosen als Grossmacht titulieren. Immerhin hat das Deutsche Reich 1871 und 1940 zweimal grosse Schlachten gegen den Rivalen für sich entschieden.

Des Schweizers Bewunderung für Frankreichs Grösse hingegen ist ironiefrei. Die Franzosen waren aus helvetischer Sicht während Jahrhunderten die wichtigsten und einflussreichsten Nachbarn. Italien und Deutschland, zerstückelt in unzählige Fürstentümer, konnten uns nicht wirklich gefährlich werden. Blieben östlich von uns die Habsburger und westlich die mächtigen Franzosen.

Den französischen Weltgeltungsdrang haben wir mehrfach am eigenen Leib erfahren. Bevor Napoleon dem Land mit seinen Truppen die Moderne gebracht hat, waren die neuzeitlichen Eidgenossen weitgehend treue Vasallen des französischen Königs: Lieferanten von brutalen Kriegern und Hüter der Alpenpässe von Frankreichs Gnaden.

Diese engen wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Bande zu Paris haben unsere Sicht auf den Nachbarn im Westen bis heute geprägt. Frankreich hat längst nicht mehr die Kraft, die es im 18. Jahrhundert ausgestrahlt hat. Paris ist und bleibt zwar unsere Lieblingsstadt, aber die französische Sprache hat selbst in der mehrsprachigen Schweiz an Bedeutung verloren.

Geblieben ist freilich der Gleichmut, wenn wir gegen Frankreich sportlich untergehen. Dessen Überlegenheit können wir gut akzeptieren. Ganz im Unterschied zu Deutschland, das unseren Widerstandsgeist in den letzten 100 Jahren mit seinem Griff nach der Weltmacht geweckt hat. Auch gegen Italien verlieren wir ungern, zumal wir das Land zwar lieben, uns aber im Grunde für leicht überlegen halten angesichts der maroden Wirtschaftslage im Mezzogiorno.

Also, auf geht’s Schweizer, besiegt die Franzosen. Und sonst ist’s auch nicht so schlimm.