Kolumne
Beziehungen: Warum der Satz «Das musst du selbst wissen» öfter fallen sollte

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Bitte keine kategorischen Imperative für Pärchen!

Maria Brehmer
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«Dem Ball der Verantwortung ausweichen wollen, ja, das möchte ich manchmal.»

«Dem Ball der Verantwortung ausweichen wollen, ja, das möchte ich manchmal.»

Sandra Ardizzone

Was ich nicht mag: Wenn mein Freund «Das musst du selbst wissen» zu mir sagt. Denn mit diesen fünf einfachen Worten spielt er mir den Ball der Verantwortung, dem ich gerade auszuweichen versuche, zurück.

Darf ich das?

Ich frage ihn, was ich tun soll, damit ich mich nicht nur an meinen Massstäben orientieren muss – wäre mir das genehm, müsste ich ja nicht fragen.

Ich frage ihn, um wenigstens der Spur nach einer allgemein gültigen Meinung entsprechend entscheiden zu können. Ich frage ihn, um mich irgendwie abzusichern: Darf ich das?

Ich frage ihn, um meine Unsicherheiten abzufedern, das Bestmögliche für mich herauszuholen und um teilen zu können: die möglichen Konsequenzen oder die Reue, die bei einer falschen Entscheidung auftauchen könnte. Und ich frage ihn, um möglichen Fehlern in meinem Denkprozess auf die Schliche zu kommen. Ich will keinen Missgriff machen.

Was ich mag: Wenn mein Freund mir eine schwierige Entscheidung abnimmt und gleich noch eine pfannenfertige Argumentationskette mitliefert.

Wir treffen jeden Tag 40 000 Entscheidungen

«Das musst du selbst wissen» klingt für mich wie eine Art kategorischer Imperativ für zeitgemässe Pärchen, die alles dürfen, nichts müssen und am Ende doch über alles streiten, was sie irgendwann einmal abgemacht hatten. Ich brauche Regeln, an denen ich meine Entscheidungen festmachen kann. Die meinen Beziehungsalltag strukturieren. Sei es nur, um sie hin und wieder brechen zu können.

Dem Ball der Verantwortung ausweichen wollen, ja, das möchte ich manchmal. Es heisst, dass wir jeden Tag bis zu 40 000 Entscheidungen treffen. Unter diesen Umständen scheint es mir mehr als menschlich, die eine oder andere davon auszulagern. Und wo kann man das besser als in der Beziehung?

Einfacher ist nicht immer besser

Hier kennt man sich. Empathie für das Gegenüber hilft, wenn man Optionen im Sinne des anderen abwägt. Doch kann das auch gefährlich sein: Wenn man weiss, wie der oder die andere tickt, geht vieles automatisch. Ja, das kann alles einfacher machen. Und natürlich ist es wichtig und schön, sich in der Partnerschaft in Sachen Rat und Unterstützung auf den anderen verlassen zu können.

Doch wir werden den Besonderheiten spezifischer Situationen nicht mehr gerecht, wenn wir eine Wahl treffen, weil wir sie immer so getroffen haben – oder unser Partner oder unsere Partnerin sie immer so traf. Das Bauchgefühl, das uns bei einer wichtigen Entscheidung begleitet etwa, oder schlummernde Wünsche, die sich nur zögerlich an die Oberfläche wagen, vernachlässigen wir dabei unwillkürlich.

Kürzlich antwortete mir mein Freund wieder mal mit «Das musst du selbst wissen». Er will mir nichts vorschreiben, warum er es vermeidet, mich in eine Richtung, die seine sein könnte, zu leiten. Das wollte ich angesichts der bevorstehenden Entscheidung nicht akzeptieren. Wir helfen uns doch gegenseitig!

Etwas frustriert zog ich mich zurück. Und überlegte, wog ab, war unsicher. Und entschied – richtig.

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