«Jung & Alt»-Kolumne
Der alte Mann als Stilikone

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler, 77, alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 27. Diese Woche beschreibt Zaugg eine eindrückliche Begegnung in der Natur.

Samantha Zaugg
Samantha Zaugg
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Mit etwas Glück kann man als aufmerksame Spaziergängerin dem alten Mann in der freien Natur begegnen.

Mit etwas Glück kann man als aufmerksame Spaziergängerin dem alten Mann in der freien Natur begegnen.

Bild: Keystone

Lieber Ludwig

Vielleicht sollte ich mir ein Beispiel an den alten Männern nehmen. Erstaunlich, dass ich so was schreibe. Eigentlich mach ich mich über alte Männer ja vor allem lustig. Obwohl, ich mag sie auch ganz gerne. Worüber sollte ich mich sonst amüsieren? Mein Leben ist so viel fröhlicher mit den alten Männern. Anderseits müsste ich mich auch viel weniger ärgern ohne sie. Wie auch immer, ich schweife ab.

Was ich sagen will: Ich glaube, wenn es um Zufriedenheit mit dem eigenen Körper geht, könnte ich mir echt mal eine Scheibe abschneiden von den alten Männern. Natürlich rein metaphorisch.

Also, ich will zur Sache kommen. Lass mich einen Schwank erzählen.

Bei mir in der Nähe gibt’s einen Fluss, und beim Fluss gibt’s einen Damm, und auf dem jogge ich ganz gerne. Der Damm ist lang und gerade, man kann bis an den Horizont sehen. Eines Tages, an einem heissen Sommernachmittag, trabe ich also auf dem Damm. Da höre ich, wie sich von hinten ein Fahrrad nähert. Ich schaue zurück, und traue meinen Augen kaum.

Auf dem Fahrrad sitzt ein Mann. Und was für einer! Seine Haut ist von der Sonne gegerbt, richtig ledrig. Die Beine dünn, der Hintern knochig, dafür solide Hüftpolster. Am Bauch etwa drei bis vier Speckrollen. Kleine Brüste hat er auch, wohl etwa meine Körbchengrösse. Warum ich das so genau sagen kann? Hat mit seinem Tenue zu tun. Ausser Turnschuhen trägt er nämlich nichts anderes als eine neongelbe Speedo-Badehose.

Und da muss ich sagen: Chapeau. Mit der Neonbadehose, die vielleicht vor 30 Jahren und ebenso vielen Kilos mal angemessen war, am Sonntagnachmittag mit dem Velo über den Thurdamm radeln, so viel Selbstvertrauen muss man erst mal haben.

Er fährt nun vor mir auf dem Damm, frei von jeglicher Scham, völlig eins mit sich selbst. Fasziniert beobachte ich, wie er auf den Horizont zu radelt. Die Speedo verschwimmt zum kleinen gelben Punkt, links und rechts pedalt je ein dünnes braunes Beinchen, rhythmisch hoch und runter. Auf und ab und auf und ab, bis der Mann samt Speedo sich am Horizont auflösen wie eine Fata Morgana.

Wow. Fast eine psychedelische Erfahrung. Ich erwache aus meiner Trance und beschliesse: Wenn ich alt bin, will ich genauso werden.

Obwohl, wenn ich recht überlege, ist das für eine alte Frau vielleicht doch nicht so schicklich. Ein Zweiteiler wäre wohl angemessener. Na gut, dann also Neonspeedo mit einem passenden Hut.

Und, was trägst du zum Baden?

Samantha

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