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«Das Publikum im Stadion Espenmoos peitsche uns nach vorne»: Der schnelle Schwabe Tobias Rathgeb erinnert sich gerne an seine Zeit beim FC St.Gallen

Der Linksverteidiger spielte 2004/2005 eine Saison lang für St.Gallen. Der Stuttgarter erinnert sich daran, als wäre es erst gestern gewesen.

Daniel Wirth
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Tobias Rathgeb (rechts) 2004 im Espenmoos im Zweikampf mit Julio Hernan Rossi, dem argentinischen Stürmer des FC Basel.

Tobias Rathgeb (rechts) 2004 im Espenmoos im Zweikampf mit Julio Hernan Rossi, dem argentinischen Stürmer des FC Basel.

Bild: KEY/Regina Kühne

Tobias Rathgeb war 21, als er im Sommer 2004 von den Amateuren des VfB Stuttgart zum FC St.Gallen wechselte. Er wurde von den Süddeutschen an die Ostschweizer ausgeliehen. Wenige Wochen zuvor hatte der Fussballclub St.Gallen mit dem deutschen Bundesligisten eine Zusammenarbeit vereinbart – mehr als die Ausleihe Rathgebs und ein Trikottausch unter den Funktionären schaute dabei aber nicht heraus.

Tobias Rathgeb ist es egal. Er hatte eine gute Zeit in St.Gallen, wie er im Gespräch mit dem «St.Galler Tagblatt» sagt. Der Verein sei familiär organisiert gewesen. Er habe sich in der Stadt und im Fussballclub sofort daheim gefühlt. Sein Debüt im «Espenmoos» gab der junge deutsche Fussballprofi am 15. August 2004 gegen die Zürcher Grasshoppers. Die Partie endete 0:0-unentschieden. Rathgeb spielte als linker Verteidiger.

Das ist bemerkenswert, denn seine Ausbildung als Junior beim VfB Stuttgart machte Tobias Rathgeb als Offensivspieler. St.Gallen-Trainer Heinz Peischl setzte ihn aber als Aussenläufer ein. «Das erste Spiel im Espenmoos werde ich nie vergessen», sagt Rathgeb. Und weiter:

«Dieses schmucke kleine Stadion mit den Kindern am Gitter der Gegentribüne, diese englischen Verhältnisse, dieses Unmittelbare – ich hatte davon geträumt.»

Das Stadion war mit 11'300 Zuschauern ausverkauft. Rathgeb hatte zuvor noch nie vor einem solch grossen Publikum gespielt. Die Fans seien unglaublich gewesen. Er wusste davon, weil er kurz vor seinem Transfer mit der ersten Mannschaft des VfB Stuttgart im «Espenmoos» ein Freundschaftsspiel gegen St.Gallen absolviert hatte. Sein Zimmerkollege Diego Benaglio, der spätere Schweizer Nationalmannschaftsgoalie, stand damals im Solde der Schwaben, hatte es ihm im «Radisson Blue» erzählt.

Diego Benaglio war Tobias Rathgebs Zimmerkollege in Stuttgart.

Diego Benaglio war Tobias Rathgebs Zimmerkollege in Stuttgart.

Bild: Peter Klaunzer / KEYSTONE

Es sei fantastisch gewesen, wie die Fans im Espenmoos die Spieler 90 Minuten lang unterstützt und nach vorne gepeitscht hätten. «Das gab mir viel Selbstvertrauen», sagt Rathgeb. Der Deutsche machte 21 Meisterschaftsspiele in der Super League und drei Cupspiele für den FC St.Gallen. Er fiel auf durch Einsatz, schnelle Läufe der Aussenlinie entlang, gekonnte Tacklings und durch seine Fairness. Die St.Galler Zeit war kurz. Tobias Rathgeb:

«Ich bereue keinen Moment. Die Zeit in St.Gallen war wunderschön und sie hat mich weitergebracht. Ich fühlte mich wohl hier, was nicht heissen will, St.Gallen sei eine Wohlfühloase für Fussballer gewesen, das heisst viel mehr, ich fühlte mich hier vom ersten Tag an wie daheim.»

Gewohnt hatte er in Bruggen. Ganz in der Nähe seiner Teamkameraden David Marazzi und Mijat Maric. Sie hätten viel Zeit miteinander verbracht. Heute habe er noch regelmässigen Kontakt zu Philippe Montandon. Mit ihm sei er in der Freizeit auch einmal auf den Säntis gestiegen. Einmal sei er bei Marazzi in der Wohnung gewesen, da habe es an der Tür geklingelt. Vor der Türe standen Kinder. «Sie fragten uns, ob wir rauskämen zum Kicken», erinnert sich Rathgeb. Sie hätten das dann getan unter der Aufsicht der Väter der Kinder.

Mit ihm wanderte Rathgeb auf den Säntis: Philippe Montandon.

Mit ihm wanderte Rathgeb auf den Säntis: Philippe Montandon.

Bild: Hanspeter Schiess

Derlei sei in Deutschland nicht möglich. Die Fussballprofis seien zu abgeschottet. Er erinnert sich auch an die hilfsbereite Heidi Müller, die fürs Ticketing des FC St.Gallen auf der kleinen Geschäftsstelle im «Espenmoos» arbeitete. «Sie begleitete mich einmal, als ich Blumen kaufen wollte.» Diese Hilfsbereitschaft und diese Freundlichkeit habe er im bezahlten Fussball später nie mehr erlebt. Der Vermieter seiner Wohnung in Bruggen habe ihm unaufgefordert geholfen, die Möbel zusammenzuschrauben.

Einst Spieler – und heute?

Die Stadtredaktion ruft auch in dieser Saison einige ausgewählte Akteure des FC St.Gallen in Erinnerung, die zwischen den 1960er-Jahren und der jüngeren Vergangenheit auf dem Espenmoos oder im neuen Fussballstadion gespielt haben. (red)

Im Sommer 2005 kehrte Tobias Rathgeb zurück zum VfB Stuttgart. Aber nur für ein halbes Jahr. Dann wechselte er zu Hansa Rostock in die zweite Bundesliga. Wie in St.Gallen avancierte der schnelle Schwabe auch dort zum Stamm- und Führungsspieler. In der zweiten Saison an der Ostküste stieg Rathgeb mit Hansa Rostock in die erste Bundesliga auf.

Rathgeb war am Karriereziel. Der ehemalige U21-Internationale war Bundesligaspieler. In der Hansestadt blieb er vier Jahre. «St.Gallen und Rostock haben viel gemein», sagt er. Der Fussball sei in beiden Städten sehr wichtig, die Fans identifizierten sich mit dem Klub. Mit Rostock erlebt Rathgeb auch einen Abstieg. 2010 kehrt er von der Ostsee zu den Schwaben zurück. Er machte sieben Saisons mit den Amateuren des VfB Stuttgart, entweder in der dritten Bundesliga oder in der Regionalliga. Zwischendurch war er verletzt. 2017 beendete Rathgeb mit 35 die Karriere.

Der 38-jährige Tobias Rathgeb ist heute Co-Trainer der U19 des VfB Stuttgart.

Der 38-jährige Tobias Rathgeb ist heute Co-Trainer der U19 des VfB Stuttgart.

Bild: VfB Stuttgart

Er arbeitete fortan als Juniorentrainer für den VfB Stuttgart. Heute ist er Co-Trainer der U19 und im Besitz der DFB-Jugend-Elite-Trainerlizenz. Soeben sei sein Vertrag um vier Jahre verlängert worden, sagt Rathgeb. Er lebt heute mit seiner Frau und zwei Söhnen im Alter von fünf und acht Jahren unweit des Trainingsgeländes des VfB Stuttgart in einem Einfamilienhaus. Er blickt zufrieden auf seine Fussballkarriere zurück. Nach Wanderjahren habe er sich für seine Heimat entschieden.

Morgen Sonntag, 16:00 Uhr, Kybunpark: FC St.Gallen – BSC Young Boys. Matchtipp Tobias Rathgeb: 2:0.