Kolumne
Privatschulen fordern das Bildungssystem heraus: Was die Schweizer Volksschule von ihnen lernen sollte

Bildungsexpertin Margrit Stamm schreibt, dass man die Privatschulen zu lange als qualitativ weniger gute Institutionen für verwöhnte Kinder aus vermögenden Familien abgetan hat.

Margrit Stamm
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Privat oder Staat? Schweizweit besuchen durchschnittlich sechs Prozent der Heranwachsenden eine Privatschule.

Privat oder Staat? Schweizweit besuchen durchschnittlich sechs Prozent der Heranwachsenden eine Privatschule.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Elitär, exklusiv, käuflich, sagen die Gegner – innovativ, leistungsförderlich, individualisiert die Befürworter. Privatschulen bringen uns in Wallung, spätestens dann, wenn eine Sozialdemokratin ihr Kind in ein privates Gymnasium schickt oder irgendwo am Zürichsee eine Schule mit einem «International» im Namen öffnet.

Schweizweit besuchen durchschnittlich sechs Prozent der Heranwachsenden eine Privatschule, Tendenz steigend. Das ist noch kein hoher Marktanteil, doch betrachtet man die Privatschülerquote in Gemeinden und Kantonen, sieht es anders aus. Im Kanton Zürich haben beispielsweise Zumikon oder Kilchberg Anteile von gegen 26 Prozent. Spitzenreiter bei den Kantonen sind Genf mit 14 Prozent und Basel-Stadt mit 10 Prozent. Schülerinnen und Schüler mit ausländischer Staatsangehörigkeit besuchen fast doppelt so oft eine Privatschule wie einheimische Schulkinder.

Warum werden Privatschulen zunehmend eine Konkurrenz der öffentlichen Schulen? Die Antworten aus einer Pisa-Vergleichsstudie zeigen Überraschendes. Egal ob man das Alter der Lehrkräfte oder die Zufriedenheit der Kinder und Jugendlichen unter die Lupe nimmt: Unterschiede zwischen öffentlichen und privaten Schulen sind marginal. Doch in der Leistung stechen die Privaten hervor. Ihre Schülerinnen und Schüler sind besser in Mathematik, sie lesen flüssiger und machen weniger Rechtschreibfehler. In der Sekundarstufe I sind sie den Heranwachsenden öffentlicher Schulen bis zu einem halben Jahr voraus. Und sie haben weniger Sitzenbleiber.

Einer der Gründe hierfür liegt in der homogen hohen sozialen Herkunft der Privatschüler und -schülerinnen. Berücksichtigt man dies, schneiden öffentliche Schulen ein wenig besser ab. So besehen ist es erstaunlich, dass Privatschulen nicht ausgeprägter von ihrem Herkunftseffekt profitieren. Das Ergebnis spricht somit auch für die öffentlichen Schulen und ihre Integrations­fähigkeit. Sie haben den gesellschaftlichen Auftrag, alle Kinder, sowohl die Besten als auch die Schwächsten, auszubilden, zu fördern und zu integrieren. Trotzdem haben sie teilweise versäumt, mit den Privatschulen gleichzuziehen. Etwa im Bestreben, das eigene Profil sichtbar zu machen, individuelle Betreuung und gezielte Förderprogramme für begabte Kinder zu etablieren oder die Beziehung zwischen Lehrkräften und Heranwachsenden mehr zu gewichten.

Hinter dem Entscheid von Eltern, den Sprössling in eine Privatschule zu schicken, stecken spezifische Vorstellungen, wie eine optimale Bildung aussehen soll. Dabei überwiegen Klagen, die Klassen seien zu gross, das Kind würde gemobbt oder die Schülerschaft sei zu heterogen. Doch dahinter steckt nicht selten die Strategie, das Gymnasium und damit die Maturität als Statussymbol garantieren zu können. Deshalb kann der Wechsel in eine Privatschule auch lediglich Ausdruck einer Art Bildungsangst sein, das Kind könnte die erwarteten Ziele nicht erfüllen.

Der Trend hat auch mit der Volksschule selbst zu tun. Sie klagt zu viel über ehrgeizige Eltern, anstatt das Zepter in die Hand zu nehmen und aufzuzeigen, wozu sie fähig ist. Die Volksschule muss ein Spiegel der Gesellschaft sein, nicht die Privatschulen. Sie sind eine sinnvolle Ergänzung der öffentlichen Schulen. Doch zu lange hat man die Privatschulen als qualitativ weniger gute Institutionen für verwöhnte Kinder aus vermögenden Familien abgetan.

Auch die Bildungspolitik ist gefordert. Denn mit dem Privatschultrend ist auch die Schwächung der Berufsbildung verbunden. Es versteht sich von selbst, dass Eltern, die ihr Kind für teures Geld in eine Privatschule schicken, den akademischen Weg im Blick haben und kaum die Berufslehre. Obwohl es Privatschulen gibt, welche dieses Problem proaktiv angehen, müssten Kantone die Berufsbildung gezielter stärken. Das betrifft vor allem Kantone, die mit ihrer Steuerpolitik finanzstarke und privatschulaffine Familien anziehen.

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