Köbi Kuhn verkörperte eine verlorene Schweizer Identität - darum liebten wir ihn

Selten waren die Reaktionen auf den Tod eines Prominenten so positiv, emotional, ja überschwänglich wie bei Köbi Kuhn, der am Dienstag im Alter von 76 Jahren starb. Darin widerspiegelt sich eine Sehnsucht vieler Schweizerinnen und Schweizer.

Patrik Müller
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Held der Nachkriegs-Schweiz: Jakob «Köbi» Kuhn. (Archivbild von 2005, Keystone/Eddy Risch)

Held der Nachkriegs-Schweiz: Jakob «Köbi» Kuhn. (Archivbild von 2005, Keystone/Eddy Risch)

In den Würdigungen wurde nicht nur Köbi Kuhns fussballerisches Können gepriesen – die «NZZ» verglich ihn mit Lionel Messi –, sondern immer wieder seine menschlichen Qualitäten: seine Bescheidenheit, Demut, Loyalität und Leidensfähigkeit. Jeder Ex-Nati-Spieler, der unter Kuhn spielte, sprach davon.

Wegen seiner Menschlichkeit wären die Spieler für Köbi «durchs Feuer gegangen», sagte Philipp Degen und ergänzte: «Köbi war zugleich Vater und Freund.» Was in keinem Nachruf fehlte, war die Volksnähe des Schreinersohns, der auch als erfolgreicher Fussballer und Trainer stets in einer kleinen Mietwohnung lebte. «Ein Trainer aus dem Volk und für das Volk», titelte diese Zeitung, der «Blick» schrieb: «Er war der Kumpel von nebenan.»

Erfolg bringt oft mit sich, dass Sportler, Manager, Künstler und Politiker abheben, die Bescheidenheit verlieren oder sogar die Menschlichkeit. Köbi Kuhn war die Antithese: Er konnte noch so viele Tore schiessen und Titel feiern, er blieb, wer er immer war.

Er baute keine Villa wie die heutigen Nati-Spieler, fuhr nicht in superteuren Sportwagen vor, er liess nicht einmal seinen Namen aus dem Telefonbuch streichen. Und er wurde nie zum Egoisten.

Auch sein Umgang mit Medien war atypisch. Kuhn gab keine Interviews, weil er sich inszenieren wollte, sondern weil das zu seinem Job gehörte und ihm die Journalisten leid taten, die «Storys» brauchten.

Die Schweiz trauert um Jakob «Köbi» Kuhn. (Bild: Steffen Schmidt, Freienbach, 2004)
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Der frühere Nationaltrainer ist am Dienstag nach langwieriger schwerer Krankheit verstorben. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller, Ilanz, 26. Mai 2016)
Köbi Kuhn wurde 76 Jahre alt. (Bild: Keystone/Georgios Kefalas)
Der frühere Trainer der Schweizer Nationalmannschaft ist am Dienstagnachmittag im Spital Zollikerberg nach einer langwierigen schweren Krankheit gestorben. (Bild: Andreas Meier, 2002)
Unter Kuhn – hier an der Heim-EM 2008 – qualifizierte sich die Nati für die EM-Endrunde 2004 und die WM-Endrunde 2006. (Bild: Eddy Risch)
Unter Trainer Köbi Kuhn gelangen der Schweizer Nationalmannschaft dreizehn Siege in Serie. Seine Ägide dauerte von 2001 bis 2008. (Bild: Keystone)
2008: Nationaltrainer Köbi Kuhn geniesst während der EM in der Schweiz das Bad in der Menge. (Bild: Laurent Gillieron)
Von den Fans bekam Kuhn den Spitznamen «Köbi National», hier nach der WM 2006 am Flughafen Zürich. (Bild: Eddy Risch)
2001: Köbi Kuhn als Coach der U21-Nationalmannschaft. (Bild: Rolf Jenni)
2019: «Ich stand unter Schock» – Köbi Kuhn berichtete in seiner Autobiografie von sexuellem Missbrauch als Kind. (Bild: Valeriano Di Domenico/Keystone)
Der Jugendliche Köbi Kuhn auf der Fritschiwiese in Zürich-Wiedikon: (Bild: FCZ Museum)
1964: Jakob «Köbi» Kuhn in seinen jungen Jahren. (Bild: STR)
1966: FCZ-Spieler Köbi Kuhn im Derby gegen GC. (Bild: Matthias Scharrer)
1966: Köbi Kuhn als Cup-Sieger mit dem FCZ. (Bild: FCZ Museum)
1968: Köbi Kuhn mit Pelé im Letzigrund: (Bild: FCZ Museum)
1968: Köbi Kuhn jongliert im Letzigrund. (Bild: STR)
1969: Köbi Kuhn als Spieler des FC Zürich. (Bild: STR)
1972: Köbi Kuhn im Letzigrund. (Bild: Sportmuseum Schweiz): (Bild: Sportmuseum Schweiz)
1973: Im Berner Wnakdorfstadion schlägt Köbi Kuhn mit dem FC Zürich den FC Basel und wird Cup-Sieger. (Bild: STR)
Köbi Kuhn nach dem Cupsieg mit dem FC Zürich am 23. April 1973. (Bild: Keystone)
1975: FCZ-Präsident Edi Nägeli und Captain Köbi Kuhn mit dem Meisterpokal im Letzigrund. (Bild: STR)
1977: Köbi Kuhn wurde mit dem FCZ sechs Mal Schweizer Meister (1963, 1966, 1968, 1974, 1975, 1976). (Bild: STR)
1978: Nach der Partie gegen den AC Milan verabschiedet FCZ-Präsident Edi Nägeli Köbi Kuhn nach seinem letzten Karrierespiel als Aktiver Fussballer. (Bild: STR)
1978: FCZ-Präsident Edi Naegeli (l.) verabschiedet Köbi Kuhn nach dem Spiel gegen AC Milan. (Bild: Photopress-Archiv)
1983: Köbi Kuhn als Trainer des FC Zürich – seiner einzigen Trainer-Position im Club-Fussball. (Bild: foto-net)
2002: Köbi Kuhn Trainierte von 2001 bis 2008 die Schweizer A-Nationalmannschaft. Davor war er von 1995 bis 2001 Coach der U21-Nati. (Bild: FRANCO GRECO)
2003: Nati-Caoch Kuhn im Basler Joggeli. (Bild: EDDY RISCH)
2005: An den Sports Awards wird Köbi Kuhn zum Trainer des Jahres gekürt. (Bild: LUKAS LEHMANN)
2007: Köbi Kuhn gewinnt den Swiss Award und wird Schweizer des Jahres 2006. (Bild: WALTER BIERI)

Die Schweiz trauert um Jakob «Köbi» Kuhn. (Bild: Steffen Schmidt, Freienbach, 2004)

Mitleid mit den Journalisten

Als ich ihn einmal zu seiner Zeit als Nati-Trainer interviewte, schien mir, er fühle sich eher unwohl. Als ich ihn später mit zehn Lesern traf und diese Nicht-Journalisten die Fragen stellten, blühte er auf. Ein Leser fragte, ob es ihn störe, dass er von allen Köbi genannt wurde. Darauf antwortete er: «Ich staune schon, dass die ganze Schweiz Duzis ist mit mir. Selbst Kinder kennen nur meinen Vornamen, und die Eltern stören sich nicht einmal daran. Ich finde, man sollte den Kindern beibringen, dass man nicht einfach alle duzt.»

Dann fügte er hinzu, was bei Politikern hohl und anbiedernd, bei ihm aber echt und glaubwürdig klingt:

«Auch in der heutigen Welt müssen Werte wie Anstand, Höflichkeit und Respekt ihren Platz haben.»

Ob diese Werte tatsächlich verloren gegangen sind oder wir nur glauben, dass sie verloren gegangen seien, spielt keine Rolle, denn «perception is reality»: Wahrnehmung ist Realität. Weil Köbi Kuhn für diese Werte stand, widerspiegelt sich in den Reaktionen auf seinen Tod auch die Sehnsucht danach.

Die Sehnsucht nach dem «Köbiismus» gewissermassen, diese Gleichzeitigkeit von Erfolg, Bescheidenheit und Verletzlichkeit. Letztere zeigte sich in seinem Leben in tragischen Momenten immer wieder: Etwa beim Tod seiner kranken Ehefrau Alice, die er jahrelang pflegte, oder dem Hinschied seiner Tochter Viviane, die der Drogensucht verfallen war.

Parallelen zu Adolf Ogi und Willi Ritschard

Wer nach ähnlichen Charaktertypen sucht, findet kein Pendant, aber Parallelen: In der Politik vielleicht Willi Ritschard und Adolf Ogi, die es als Nicht-Studierte zum Bundesrat brachten, immer bodenständig blieben und sehr populär waren. Im Sport Rennfahrer Jo Siffert, der es aus bescheidenen Verhältnissen an die Weltspitze schaffte und nie vergass, woher er kam.

Und heute, gibt es diese Laufbahnen noch? Nur mehr selten in Politik und Wirtschaft, wo Akademiker die Spitzenpositionen dominieren. Aber zum Teil noch im Sport, der ein Stück weit eine klassenlose Gesellschaft geblieben ist; hierzulande vor allem der Schwingsport. Mit Christian Stucki amtiert ein König, der trotz hoher Preisgelder noch immer als Lastwagenfahrer arbeitet. Ein Köbi-Typ, der jedoch nie die Popularität des Fussballoriginals erreichen wird.

Kuhn und Federer, die Helden zweier Schweizen

Unter den lebenden Stars ist nur einer so beliebt: Roger Federer. Kuhn, der zeitlebens in Zürich wohnte und Schicksalsschläge erlitt, war der Star der Binnenschweiz, der Nachkriegsschweiz.

Federer, der Mister Perfect mit Zweitwohnsitz Dubai, ist der Star der modernen, globalen Schweiz. Kuhn und Federer wurden beide «Schweizer des Jahres». Sie sind zwei komplett unterschiedliche Ausnahmefiguren, die für zwei helvetische Identitäten stehen, die ganz offensichtlich geeignet sind, Helden hervorzubringen.