Gastkommentar

Knatsch bei den Reformierten: Holt Gottfried Locher zurück!

Gastautor Josef Hochstrasser hat ein Buch über Gottfried Locher geschrieben und prangert die Führungskrise der Reformierten Kirche der Schweiz an.

Josef Hochstrasser
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Josef Hochstrasser war zunächst katholischer Priester, dann nach Heirat reformierter Pfarrer. Unter anderem Autor des Buchs «Gottfried Locher – Der reformierte Bischof auf dem Prüfstand.» (Zytglogge 2014)

Josef Hochstrasser war zunächst katholischer Priester, dann nach Heirat reformierter Pfarrer. Unter anderem Autor des Buchs «Gottfried Locher – Der reformierte Bischof auf dem Prüfstand.» (Zytglogge 2014)

Gottfried Locher, der Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz trat diesen Frühling von seinem Amt zurück. Ihm wird vorgeworfen, er habe Grenzverletzungen begangen und sei zu sehr an Machtausübung interessiert. Damit tritt die reformierte Kirche mit einem happigen Konflikt aus ihrem Schattendasein. Trotz zahlreicher Medienberichten weiss die Öffentlichkeit noch immer nicht, worin die vermuteten Grenzverletzungen bestehen. Gottfried Locher schweigt. Die direkt am Konflikt Beteiligten lassen nur Andeutungen durchsickern.

Wo liegt der wirkliche Skandal? Niemand hat bis anhin die entscheidende Frage gestellt: Was ist aus der Sicht Jesu aus Nazareth zu tun? Es sind doch alles Christinnen und Christen, die jetzt miteinander streiten. Christentum ohne Jesus ist aber wie Fussball ohne Ball. Unmöglich! Oder stört dieser Jesus bloss?

Eine solche Kirche dreht sich nur um sich selbst

Schon einmal hat ein Schriftsteller von Weltruf den Christen diesen Vorwurf gemacht. In seinem Werk «Die Brüder Karamasoff» lässt Fjodor M. Dostojewski Jesus wieder auf die Welt kommen. Im spanischen Sevilla, zur Zeit der Inquisition. Der Kardinal-Grossinquisitor lässt Jesus als Ketzer ins Gefängnis werfen. «Du bist gekommen, uns zu stören!», wirft der Kirchenmann Jesus vor.

Eine Kirche, die sich vom kritischen Korrektiv aus Nazareth nicht den Spiegel vor Augen halten lässt, dreht sich nur noch um sich selber. Es ist einer der Gründe, warum sich die Menschen von ihr abwenden.

Dabei liefert die Bibel hochklassige Konfliktlösungsstrategien, die bestimmt auf Jesus zurückgehen und trotz ihres hohen Alters unserer modernen Zeit gut anstehen. Ein Beispiel: Der Evangelist Matthäus berichtet, Jesus habe sich in die Wüste zurückgezogen, um über sich selber nachzudenken. Dort ist ihm aber nicht der leibhaftige Teufel erschienen. Jesus hat vielmehr seine eigenen, teuflischen Abgründe kennengelernt. Etwa die Lust auf Macht. Der Teufel hat Jesus Macht über alle Reiche der Welt angeboten. Am Ende seiner Auseinandersetzung mit sich selbst hat Jesus gemerkt: Meine Macht besteht darin, Menschen zu ermächtigen, ein starkes Selbstvertrauen zu entwickeln.

Locher gestaltet seine Beziehungen transparent

Im Fall Locher geht es auch um Macht. Ich kenne Locher. Er hat sich seine Macht, die er als Präsident hatte, in jesuanischen Wüstenerfahrungen bewusst gemacht. Sein pointiertes Auftreten bringt die Führungsfrage der reformierten Kirche aufs Tapet. Immer wieder der Aufschrei: Nur ja nicht katholisch werden! Kein reformierter Bischof! Als ob das eine Schande wäre.

Jesus war doch auch ein Leader. In jeder Gemeinschaft kristallisieren sich Führungspersönlichkeiten heraus. Das geschieht offen (in der katholischen Kirche) oder verdeckt (in der reformierten Kirche). Jene, die Locher abschossen, hätten besser daran getan, den eigenen Machtgelüsten schonungslos ins Auge zu sehen, sind sie doch in ihren Kantonen selber kleine Bischöfe, die in die Projektionsfalle getappt sind. Auch seine vielfältigen Beziehungen gestaltet Locher transparent.

Der Konflikt um Locher hat Gewinner und Verlierer produziert. Zu den Verlierern gehört der abgetretene Präsident selber. Mächtig an Ansehen verloren hat aber die reformierte Kirche. Dabei kann sie sich, wie ihr katholisches Pendant, angesichts ihrer immer schwächeren Position in der Gesellschaft ein derart ramponiertes Image gar nicht mehr leisten.

Ihre Exponenten hätten es allerdings in der Hand gehabt, der Gesellschaft zu zeigen, wie aus einem gravierenden Konflikt alle als Gewinner hervorgehen können. Noch ist Zeit dazu. Gehen die Kontrahenten in die Wüste, wie einst Jesus, und bearbeiten ihre blinden Flecken, können sie sich geläutert an den Tisch setzen. Sie holen Gottfried Locher ins Amt des Präsidenten zurück, denn er ist zweifellos ein qualifizierter Leader.

Was wäre dies für ein christliches Beispiel einer Konfliktlösung an die Adresse der Gesellschaft!

Übrigens: Selbstredend verordne auch ich mir als Pfarrer Wüstenerfahrungen.