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Kommentar

Kein Platz in der Gesellschaft

Sinti und Jenische leben seit Generationen in der Schweiz. Sie sind als nationale Minderheiten anerkannt worden. Dennoch warten die Fahrenden unter ihnen seit Jahren vergeblich auf Stand- und Durchgangsplätze, die sie zum Leben brauchen.
Janina Gehrig
Janina Gehrig, Reporterin Ostschweiz am Sonntag

Janina Gehrig, Reporterin Ostschweiz am Sonntag

Sie wohnen in der Nähe von Autobahnausfahrten, Industriegebieten oder Entsorgungsstellen. Sie verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit Scherenschleifen, Handwerker- und Gartenarbeiten oder dem Handel mit Altmetall. Sie sagen, ihr grösster Reichtum sei das Leben in der Gemeinschaft. Sie wollen zusammen alt werden. Das, was sie verdienen, teilen. Zwei Jahre nur ist es her, dass Bundesrat Alain Berset sie offiziell mit dem Namen angesprochen hat, mit dem sie sich selbst benennen: als Sinti.

Die wohl kleinste kulturelle Minderheit der Schweiz zählt nur ein paar tausend Personen. Zusammen mit den Jenischen wurden sie bereits 1998 als nationale Minderheiten anerkannt. Damit sprach sich der Bund auch dafür aus, ihre Kultur und Sprache zu fördern und ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Rund 5000 Jenische und Sinti sind bis heute noch als Fahrende unterwegs. Das Leben im Wohnwagen ist integraler Bestandteil ihrer Identität. Was sie dafür brauchen? Einfache Kiesplätze mit Wasser- und Stromanschluss, einen Abfallcontainer, WC und Duschen. Sie brauchen Durchgangsplätze für Zwischenhalte im Sommer, wenn die Fahrenden hausieren gehen, und Standplätze für die Winterzeit. Rund 20 Hektaren Land. Schweizweit. Das ist die Hälfte dessen, was ein einziger Landwirtschaftsbetrieb zum Überleben braucht.

Doch seit Jahren werden sich Bund, Kantone und Gemeinden bei der Schaffung von Plätzen nicht einig. Schweizweit hat deren Zahl ab- statt zugenommen. Fahrende werden dazu gezwungen, ihre Lebensweise aufzugeben und sesshaft zu werden. Auch der Kanton St. Gallen bemüht sich seit Jahren um neue Plätze. Vergeblich. Neue Pläne scheitern am Widerstand der Bevölkerung wie 2014 in Thal und 2016 in Gossau. Bis heute sind die Vorurteile gegenüber Fahrenden nicht überwunden. Noch immer werden Sinti und Jenische als «Zigeuner» beschimpft, mit Diebes- und Bettlerbanden in Verbindung gebracht, argwöhnisch beäugt, auf Abstand gehalten. Das erinnert sie daran, dass ihr Kampf für mehr Anerkennung und Akzeptanz noch lange nicht ausgestanden ist. Es erinnert sie an das Leid ihrer Grosseltern, die vor noch nicht langer Zeit im «Zigeunerregister» erfasst, ausgewiesen oder in Konzentrationslagern der Nationalsozialisten vernichtet wurden.

Wenn Sinti und Jenische als nationale Minderheiten in der Gesellschaft jenen Platz erhalten sollen, der ihnen zugesprochen wird, dann sollten sie endlich die Plätze erhalten, die sie zum Leben brauchen. Das sollten sich die besorgten Sesshaften vor Augen halten, wenn sie das nächste Mal zur Urne schreiten, um über Plätze in Industriegebieten zu befinden.

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