Kommentar

Kampf ums Stadtpräsidium: Warum die Bürgerlichen in St.Gallen chancenlos bleiben

Mitte-links verwaltet die grösste Ostschweizer Stadt seit bald vier Jahren unspektakulär, aber solide. Die Bürgerlichen dürften deshalb mit ihrem Versuch scheitern, die Macht in der Gallusstadt zurückzuerobern. 

Stefan Schmid
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Hanspeter Schiess

Waren Zürich, Lausanne oder Bern längst in rot-grünen Händen, regierten die Bürgerlichen in St.Gallen unbeirrt mit solider Mehrheit. Nichts schien sie aus den Angeln zu heben, der linksliberale Zeitgeist wehte an der Ostschweiz vorbei.

Bis es vor vier Jahren zur historischen Wende kam: Sonja Lüthi, junge Mutter mit urbanem Lebensstil, katapultierte mit Boris Tschirky ein Schwergewicht des bürgerlichen St.Gallens ins Abseits. Von dieser tektonischen Plattenverschiebung in der städtischen Politlandschaft haben sich die bürgerlichen Parteien bis heute nicht erholt.

Ein herzhafter Händedruck für die Siegerin: Der unterlegene Boris Tschirky gratuliert der frisch gewählten St.Galler Stadträtin Sonja Lüthi.

Ein herzhafter Händedruck für die Siegerin: Der unterlegene Boris Tschirky gratuliert der frisch gewählten St.Galler Stadträtin Sonja Lüthi.

Bild: Ralph Ribi

Noch sind erst zwei Kandidaten fürs Stadtpräsidium bekannt: Maria Pappa von der SP und Mathias Gabathuler von der FDP. Auch CVP und SVP werden versuchen, wieder – oder endlich einmal – einen Sitz in der Stadtregierung zu erobern.

Bloss: Um einen der vier bisherigen Mitte-links-Stadträte aus dem Gremium zu kippen, müsste ein Wunder geschehen. Primär fehlt es den Bürgerlichen an zugkräftigen Namen. Manche trauern deshalb Alphatieren wie Fredy Brunner oder Nino Cozzio nach, welche diese Stadt mit ihrer Leidenschaft prägten. Der Umweltliberale Gabathuler scheint auf den ersten Blick keine schlechte Figur zu machen. Ob er sich behaupten kann, wird freilich erst der Wahlkampf zeigen.

Hauptgrund aber für die bürgerliche Misere in der grössten Ostschweizer Stadt ist die strukturelle Zusammensetzung der Bevölkerung.

Bürgerlich denkende Menschen sind mit Kind und Kegel ins Einfamilienhaus im Umland gezogen. Geblieben und zugezogen sind dafür jene, oft gut gebildeten Schichten, die weniger Autoverkehr, mehr Velo und ÖV, ein breites Kulturangebot und bezahlbare Wohnungen wollen.

Bei diesen Anliegen trauen die Stadtmenschen Mitte-links offenbar mehr zu als den Bürgerlichen. Hinzu kommt: Der Stadtrat setzt zwar linksliberale Akzente, doch er überbordet dabei nicht. Die Stadt wird, wie zu bürgerlichen Hochzeiten, solide verwaltet. 

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