Kommentar

Kampf gegen Corona: Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen

Die Schweiz ist im Ausnahmezustand. Für die nächsten Wochen ist nichts mehr, wie es war. Bundespräsidentin Sommaruga hat recht: Wir müssen diesen Weg gemeinsam gehen.

Stefan Schmid
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Hanspeter Schiess

Ein historischer Moment: Gleich vier Bundesräte erklären mit ernster, aber kämpferischer Miene, was es geschlagen hat.

Die Lage ist ernst. Die Schweiz schliesst sämtliche Schulen, verbietet Veranstaltungen ab 100 Personen und führt an den Grenzen wieder Kontrollen durch. Beizen dürfen nur noch wenige Leute hereinlassen. Das Recht auf Asyl ist suspendiert. Der Wirtschaft, der massive Einbussen drohen, soll mit zehn Milliarden Franken geholfen werden.

Ein Land im Ausnahmezustand.

Bundesrat Alain Berset hat Recht, wenn er sagt: «Wir sind in einem Prozess. Die Situation verändert sich laufend.» Wie wahr. Wer hätte vor ein paar Tagen gedacht, dass wir so rasch in einer so brenzligen Situation landen werden? Die Wenigsten.

Die Stimmen, welche die gefährliche Dynamik der sich ausbreitenden Lungenkrankheit unterschätzen, verstummen. Gut so. Wir sind tatsächlich herausgefordert. Jeder Einzelne von uns. Und die Gesellschaft als Ganzes.

So einschneidend die Massnahmen des Bundesrats sind: Sie verdienen unsere volle Unterstützung.

Es geht jetzt nur noch darum, die ungebremste Ausbreitung des Virus zu stoppen.

Alles andere ist sekundär. Geld darf dabei keine Rolle spielen. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt. Wer, wenn nicht die Schweiz, ist in der Lage, allen betroffenen KMU unbürokratisch und grosszügig unter die Arme zu greifen?

Denn eines steht jetzt schon fest, auch wenn sich die Dimension des Desasters natürlich noch lange nicht abschätzen lässt: Der Schock für die Wirtschaft ist gigantisch. Tausende Betriebe stehen vor äusserst schwierigen Zeiten, vielen droht der Konkurs. Die Auszahlung von Löhnen wird zum Hochseilakt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sagt: Man werde alles unternehmen, um Menschen und Betrieben zu helfen. Was immer es auch kostet. Das muss auch hierzulande die Devise sein.

Dennoch wäre es unschweizerisch, jetzt nur auf den Staat zu blicken. Jeder und jede von uns trägt Eigenverantwortung. Mehr denn je. Es geht darum, die Schwachen und die Verletzlichen zu schützen. Die Empfehlungen des Bundes sind glasklar: Grosseltern dürfen keine Kinder mehr hüten, wir sollten Abstand halten, Menschenansammlungen meiden, den öffentlichen Verkehr wenn möglich nicht mehr benutzen.

Bereits spriessen überall im Land Selbsthilfeorganisationen aus dem Boden. Das ist fantastisch. Schüler, die nicht mehr in die Schule dürfen, stellen den Grosseltern den Einkaufssack vor die Tür. Menschen, die Unterstützung brauchen, können sich online an Dritte wenden.

Passen wir aufeinander auf. Kümmern wir uns um die ältere Generation, indem wir sie schützen.

Fragen wir die Nachbarn, ob wir ihnen helfen können. Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen. Was für ein Satz. Er steht in der Präambel der schweizerischen Bundesverfassung.

Man muss nicht (zu) pathetisch werden: Unserem Land, der Gesellschaft stehen heikle Wochen bevor. Niemand weiss, wie sich die Lage entwickeln wird. Der Feind ist unsichtbar, aber heimtückisch. Hoffnung machen Meldungen aus Südkorea oder Vietnam, wo man die Ausbreitung des Virus in den Griff bekommen hat. Entscheidend ist, dass wir kühlen Kopf bewahren. Panik ist nicht angebracht. So wie im Kleinen die gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit jetzt wichtig sind, braucht es auch Staatenlenker, die den Sinn fürs Gemeinsame nicht verlieren.

In Krisen schaut jeder primär für sich. Das ist menschlich. Es darf aber nicht dazu führen, dass Egoismus und Rücksichtslosigkeit zum internationalen Standard werden. Schenken wir populistischen Scharfmachern, die einfache Schwarz-Weiss-Bilder malen und jenen, die mit ausländischen Feindbildern operieren, kein Gehör. Sie wollen den Brunnen der gesellschaftlichen Toleranz vergiften. Diese aber ist unabdingbar für ein solidarisches und friedliches Nebeneinander. Die Schweiz ist stark genug, diese Krise zu meistern. Gemeinsam mit den Nachbarstaaten.