Kommentar

Junge Turnerin hat genug – eine Bankrotterklärung für das Leistungszentrum

Die junge Kunstturnerin, die ihren Trainer der sexuellen Übergriffe beschuldigt, beendet ihre Karriere. In Wil wurde wenig getan, um die Athletin zu schützen. Und der nächste Skandal kommt bestimmt.

Odilia Hiller
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Odilia Hiller, Regionalleiterin / Stv. Chefredaktorin. (Bild: Michel Canonica)

Odilia Hiller, Regionalleiterin / Stv. Chefredaktorin. (Bild: Michel Canonica)

Der Spitzensport ist hart. Er verlangt allen Beteiligten Opfer ab. Im Falle einer jungen Kunstturnerin, welche die vergangenen zehn Jahre ihres Lebens pickelharten Trainingsplänen, dem Verzicht und grenzenloser Disziplin untergeordnet hat, um den Traum einer Spitzensportkarriere wahr werden zu lassen, ist der Spitzensport nicht nur hart: Er ist auch unfair. Das knallharte Business, das dahintersteckt, ist stärker als ihr Mut. Der Mut, den sie brauchte, um den Trainer anzuzeigen, wird nun bestraft. Der Trainer, der wie ein Vater für sie war, jedoch die Grenzen ihrer sexuellen Inte­grität massiv überschritten haben soll, als sie noch minderjährig war.

Das Regionale Leistungszentrum Ostschweiz (RLZO) in Wil zeigte von Anfang an wenig Verständnis für die Turnerin. Zwar liess der Vorstand im Sommer nach Bekanntwerden der Vorwürfe und der Verhaftung des damaligen Cheftrainers verlauten, man halte das mutmassliche Opfer für glaubwürdig. Doch getan wurde in Wil wenig, um die Athletin zu schützen. Vor Anfeindungen, vor offenen Vorwürfen seitens Eltern und anderer Trainer, die dem mittlerweile gekündigten Trainer die Stange hielten.

Eine Sportpsychologin erklärte die Vorgänge für typisch für den Leistungssport und sein unbarmherziges Umfeld: Die Karriere des eigenen Kindes geht immer vor. Und wenn eine andere Turnerin diese in Gefahr bringt, brechen anscheinend bei manchen die Dämme. Das Recht darauf, ernst genommen und geschützt zu werden, wie es einem mutmasslichen Sexualopfer zustehen müsste, existiert dann offensichtlich nicht mehr.

Dass die Führungsriege des krisengeschüttelten Zentrums es nicht geschafft hat, auch nur bis zur Klärung der juristischen Fragen den Anschein zu wahren, man nehme die Vorwürfe des mutmasslichen Opfers ernst, ist eine Bankrotterklärung. Für das Leistungszen­trum, aber auch für die Kunstturnszene in der Ostschweiz. Man kommt nicht umhin, die Professionalität der Verantwortlichen anzuzweifeln, wenn man der Turnerin allen Ernstes die Ehefrau ihres fleischgewordenen Albtraums als neue Cheftrainerin vor die Nase setzt.

Der Verdacht liegt nahe, dass man in Wil einkalkuliert hatte, die Turnerin auf diese Weise möglichst schnell loszuwerden. Die Stillosigkeit zeigt auf, wo das Milizsystem, auf dem das schweizerische Turnwesen aufgebaut ist, an seine Grenzen stösst. Professionelle Strukturen in einer Sportart, wo Vertrauen und gute Beziehungen zwischen Trainer und oft minderjährigen Sportlerinnen die Pfeiler des Erfolgs bilden, sind das nicht. Im Gegenteil. Die Vorgänge lassen wenig Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit zu einem Neuanfang in der Ostschweizer Kunstturnszene kommt. Der nächste Skandal folgt bestimmt.

Regionales Leistungszentrum in Wil: Ehefrau des angezeigten Kunstturntrainers wird Cheftrainerin ++ Personalentscheid löst Kritik aus ++ Schweizerischer Turnverband: «Kein Kommentar» ++ Umstrittener Vereinspräsident abgetreten

Der Vorstand des Regionalen Leistungszentrums Ostschweiz (RLZO) für Kunstturnen in Wil verpflichtet Eszter Kissné als neue Cheftrainerin. Gegen ihren Ehemann und Ex-Cheftrainer ermittelt die St.Galler Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf sexuelle Handlungen mit Minderjährigen. Der Schweizerische Turnverband (STV) ist informiert, nimmt aber momentan keine Stellung.
Odilia Hiller

Sportpsychologin zu den mutmasslichen sexuellen Übergriffen eines Trainers am Leistungszentrum für Kunstturnen in Wil: «Die 17-Jährige ist im Moment das schwarze Schaf»

Cristina Baldasarre ist ehemalige Spitzenathletin im Synchron-Eiskunstlaufen und Swiss Olympic Trainerin. Heute ist sie Fachpsychologin für Sportpsychologie FSP. Zu den mutmasslichen sexuellen Übergriffen eines Trainers am Leistungszentrum für Kunstturnen in Wil sagt sie: «Das Schlimmste ist die psychologische Abhängigkeit. Die Kinder sind mehr in der Trainingshalle unterwegs, als mit der Familie zusammen.»
Christoph Zweili

Ostschweizer Kunstturntrainer wegen Verdachts auf sexuelle Handlungen mit Kindern verhaftet +++ Antrag auf U-Haft gestellt +++ Erste Vorwürfe an den Vorstand

Der Trainer des Regionalen Leistungszentrums Ostschweiz für Kunstturnen ist am Dienstag in Wil verhaftet worden. Gegen ihn liegt eine Anzeige vor. Es gehe um sexuelle Handlungen mit Minderjährigen, oder jedenfalls etwas «in diese Richtung», bestätigt die Polizei. Die Staatsanwaltschaft hat Antrag auf U-Haft gestellt.
Odilia Hiller