Pro & Contra

Ist die Corona-App eine gute Idee?

Am 11. Mai will der Bund eine Smartphone-App lancieren, mit der nachvollzogen werden kann, ob man sich mit dem Virus angesteckt hat. Lässt sich damit die Pandemie in den Griff bekommen? Oder ist es der erste Schritt in einen Überwachungsstaat? Unsere Redaktion ist sich uneins.

Raffael Schuppisser / Anna Miller
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PRO von Raffael Schuppisser: Der Weg aus der Krise

Raffael Schuppisser.

Raffael Schuppisser.

Bild: Sandra Ardizzone

Auch sechs Wochen, nachdem der Bundesrat den Notstand ausgerufen hat, befinden wir uns auf dem Blindflug. Nur ein Bruchteil der Infizierten ist tatsächlich bekannt, weil nicht die ganze Schweiz getestet werden kann und sich die Übertragungsketten längst nicht mehr nachvollziehen lassen. Als Folge davon werden möglichst alle Menschen – mehr oder weniger freiwillig – zu Hause eingesperrt. Das ist auf die Dauer nicht praktikabel, deshalb treten ab Montag die ersten Lockerungen in Kraft. Ob das gut geht, kann niemand sagen.

Um die Kontrolle über das Virus zu gewinnen, ist eine sogenannte Contact-Tracing-App fürs Smartphone essenziell. Die App schlägt Alarm, sobald bekannt wird, dass der Nutzer in den letzten Tagen in Kontakt mit einem Infizierten gekommen ist. So lassen sich die Übertragungsketten nachvollziehen und es können jene Menschen, die tatsächlich mit Infizierten zu tun hatten, isoliert und getestet werden. Anstatt die ganze Gesellschaft und grosse Teile der Wirtschaft in einen Dornröschenschlaf zu versetzen, müssen sich so bloss die Virenträger vorübergehend in Quarantäne begehen.

Die App zeigt, ob man in Kontakt mit Virenträgern gekommen ist.

Die App zeigt, ob man in Kontakt mit Virenträgern gekommen ist.

Kay Nietfeld / DPA

Voraussetzung ist, dass die App von genügend Menschen genutzt wird. Denn die Anwendung der App ist freiwillig. Die App ist kein Überwachungswerkzeug des Staates. Die Daten werden anonymisiert und dezentral auf den Endgeräten gespeichert – es gibt keinen zentralen staatlichen Server. Es werden keine Namen ausgetauscht: Gemeldet wird nur, dass man sich womöglich angesteckt hat, nicht, bei wem.

Bedenken um die Privatsphäre sind ernst zu nehmen; in diesem Fall sind sie aber nicht begründet. Die von der ETH mitentwickelte App ist keineswegs der erste Schritt in einen Überwachungsstaat. Sie ist viel mehr ein exzellentes Beispiel dafür, dass sich sinnvolle digitale Technologien mit starkem Datenschutz konzipieren lassen. Bloss, weil China solche Tools missbraucht, um das Volk zu überwachen, heisst das nicht, dass wir uns ins Mittelalter zurückkatapultieren müssen. Auch eine liberale Demokratie wie die Schweiz kann und soll Teil des technologischen Fortschritts sein. In einer Krise erst recht.

CONTRA von Anna Miller: Kontrolle kann in sozialen Zwang münden

Anna Miller

Anna Miller

Alle wollen Bewegungsfreiheit, da kommt die Idee einer Contact-Tracing-App, die wir alle freiwillig runterladen und die uns dann sagt, ob wir von Menschen in unserer Nähe infiziert worden sein könnten, gerade recht. Dabei versicherte der Bund: Von Zwang kann keine Rede sein, von China-ähnlichen Überwachungszuständen, nein, wir haben direkte Demokratie, nein, die App wird von renommierten Institutionen wie der ETH getragen, und runterladen soll nur, wer will.

Doch bereits fordern Schweizer Politiker eine Anwendungspflicht, zwei von drei Schweizerinnen und Schweizern würden die App ohne Zögern runterladen, weil sie hilft, Menschenleben zu retten, und gegen dieses Argument lässt sich, bei den grössten Sorgen um Kontrolle, Datenüberwachung und schrittweise Entmündigung über digitale Kontrollstrukturen, nichts einwenden. Und falls doch, gilt man bald als Unmensch, als renitente, fortschrittsfeindliche Person, die nicht mit der Zeit geht, dadurch sogar Anderen Schaden zufügen könnte.

Es ist nicht ganz dystopisch, sich eine Welt auszumalen, in der soziale Kontrolle in sozialen Zwang mündet, die ständige Unsicherheit in Misstrauen und Wut kippt, und die Bewegungsfreiheit über Handlungsfreiheit gestellt wird - und über unsere Mündigkeit in Bezug auf neue Technologien.

Klar: Die Digitalisierung soll als Chance begriffen werden, alle ihre Möglichkeiten, dem Menschen zu nutzen, gefördert. Dass die gesamte Menschheit sich nun aber auf eine Contact-Tracing-App verlässt und sie als einzigen Heilsweg ohne Widerspruch sieht, mutet doch etwas befremdlich an.

In China werden Menschen nach Punkten bewertet, was ihren sozialen Gehorsam betrifft. Inwieweit sie sich an die Regeln halten. Korrekt über die Strasse gehen. Sich mit Menschen anfreunden, die keinesfalls kritisch über den Staat und gesellschaftliche Strömungen denken geschweige denn, Kritik auszusprechen. Wer denunziert, erhält Punkte.

Natürlich, die Schweiz ist nicht China. Doch es sollte in dieser Diskussion nicht nur um Datensicherheit gehen, sondern auch darum, was Kontrollmechanismen mit Gesellschaften machen. Wie man sie einsetzen will. Was mit den Minderheiten passiert, die sich ihnen widersetzen. Eine funktionierende Demokratie lebt von Gegensätzen, nicht von Gleichschaltung.

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